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Der Jude · 1916-11-01 · Heft 8 (November 1916) · p. 538

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 8 (November 1916)
Article
Grundlagen des Nationaljudentums
Date
1916-11-01
Page
538 (sequence 5)
Language
German
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538 Jakob Klatzkin: Forderung der sittlichen Kultur sein; als solche untersteht sie der Kompetenz und dem Ermessen der Ethik, die allein zuständg ist, diese Idee auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen, sie anzuerkennen oder abzulehnen. Eine ähnliche Verquickung heterogener Werturteile finden wir in den oft wiederholten Versuchen orthodoxer Exegeten, gewisse jüdische Religionsgesetze, z. B. die Speisegesetze, als sanitäre Forderungen zu begründen und zu bekräftigen. Sie merken nicht, daß sie damit der Religion nur einen schlechten Dienst erweisen, indem sie diese Gesetze vor ein außerreligiöses Forum stellen und ihre Unbedingtheit preisgeben: sie machen ihre Geltung von einem wissenschaftlichen Gutachten abhängig. So kommt es, daß dieses pseudonationale Kriterium des Judentums methodologisch schwächer fundiert ist als das religiöse. Die Definition des Judentums als Religion ist klar und einheitlich: sie ist in Normen festgelegt. Aber der ,,Geist des Judentums" läßt sich nicht in eine Formel fassen, er bleibt immer hypothetisch und kann daher kein Kriterium bilden. Gar viele verschiedene Definitionen hat dieser Geist des Judentums erdulden müssen. Die einen finden ihn im Monotheismus, die andern im Messianismus. Und noch ist die Frage nicht entschieden, ob unser Gott ein ,,Gott der Rache** oder ein ,,Gott der Barmherzigkeit** sei. Eine Definition ergründet den Geist des Judentums im Optimismus, eine andere in der Idee der Abstraktion: „Du sollst dir kein Bild und keine Gestalt machen**; eine dritte in der Idee der absoluten Gerechtigkeit; eine vierte im Rationalsimus. Und Sombart versteht sogar diesen Rationalismus als die kaufmännische Ratio, die den Geist des Judentums kennzeichne. Müßte man nicht, wenn diese Definitionen zu einem Kriterium erhoben werden, im Namen des „Geistes des Judentums** die Wahrung und Förderung des Monotheismus, des messianischen Gedankens, des Optimismus, der Idee der Abstraktion, des Rationalismus oder gar des Handelsgeistes als Wahrung und Förderung unseres nationalen Wesens verlangen? Und in der Tat, es geschieht gar zu oft. Aber hier zeigt sich wiederum die Haltlosigkeit jener Theorie vom Geiste des Judentums. So konnte selbst in unserem nationalen Lager die Frage ernstlich aufgeworfen werden, ob nicht der Geist des Judentums durch das Christentum vertreten und verbreitet werde und ob das Judentum noch einen Existenzgrund und unser Martyrium noch einen Sinn hätte. Dieser Fragestellung entsprach auch jene günstige Auskunft, die das Judentum als Prinzip der Gerechtigkeit und das Christentum als das Prinzip der Liebe unterscheidet und in diese subtile Unterscheidung unsern Seinsgrund verlegt. Über den Bestand des Judentums entscheidet nunmehr eine wissenschaftliche Instanz, die Forschung über das Wesen des Judentums und das Wesen des Christentums: Sollte das Forschungsergebnis ungünstig ausfallen und diese ideologische Unterscheidung nicht als wesenhaft anerkennen, so hätte unser Dasein keinen Halt, keinen Inhalt. Es ist das Kriterium des Geistes, das unser Lebensrecht von der Berechtigung des Judaismus als Lehre, von deren Eigenart und Güte abhängig macht; das somit die gespensterhaften Fragen nach dem Sinn unserer Existenz heraufbeschworen hat. Eine folgerichtige Theorie des Nationalismus muß dagegen sagen: All jene Ergründungen des Wesens des Judentums mögen wohl nationale Wertungen sein, nationale Qualifizierungen; nationale Kriterien sind sie nicht. Wie etwa der Satz: „Tout ce que n'est pas clair, n'est pas frangais" vielleicht eine nationale Wertschätzung besagt, aber kein nationales Kriterium. Der Satz unserer Weisen:

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