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Der Jude · 1916-11-01 · Heft 8 (November 1916) · p. 537

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 8 (November 1916)
Article
Grundlagen des Nationaljudentums
Date
1916-11-01
Page
537 (sequence 4)
Language
German
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Grundlagen des National Judentums 537 nicht aus dem Judentum scheiden, wie man etwa sich nicht von seiner Familie lossagen kann? Dann hätten die ersten zwei Kriterien den Vorzug des Freiheitsprinzips; da sie das Judesein als ein religiöses oder sittliches Bekenntnis auffassen, während das nationale Kriterium dieses Sein als ein geschichtlich Gegebenes, das nicht durch ein Bekenntnis aufgehoben werden kann, zu bestimmen scheint. Dem ist aber nicht so. Das nationale Kriterium fordert neben der historischen Familiengemeinschaft den Willen zur Gemeinschaft in Zukunft. Also zwei Momente; das Moment historischer Gebundenheit und das Moment eines historischen Wollens, des Willens zur Gebundenheit und Gemeinschaftsbildung für alle Zukunft. Der geistige Nationalismus, vornehmlich vertreten von AchadHaam, beruft sich auf den Entwicklungsgedanken. Der Geist des Judentums habe sich aus der Religion zu einer sittlichen Weltanschauung entwickelt und in einem bestimmten Ideengehalt seinen wesenhaften Ausdruck gefunden. Wollen wir unsere nationale Individualität wahren, so müssen wir diese historische Gestaltung unsres Geistes schützenundfördern. Daher glaubt dieser Nationalismus die nationale Entwicklung des Judentums als die Entwicklung einer bestimmten Weltanschauung begreifen zu sollen. Er begeht aber einen methodischen Fehler: er unterscheidet nicht zwischen nationaler Wertung und nationalem Kriterium. Der nationale Wert einer Idee erhebt sie noch nicht zu einem nationalem Kriterium. Wie diese achad-haamistische Theorie das Judesein an ein Bekenntnis zur jüdischen Religion, die wahrlich große nationale Werte in sich birgt, keineswegs bindet, ebensowenig darf sie ein Bekenntnis zur jüdischen Ideenlehre fordern. Die Anwendung des Entwicklungsgedankens auf ein nationales Kriterium des Judentums kann schon deshalb nur eine Wertung und keine Definition des jüdischen Geistes ergeben, weil wir doch nicht entscheiden können, welcher Fortschritt eine evolutionistische Fortsetzung und welcher eine revolutionäre Diskontinuität des „geistigen Wesens" zu bedeuten hätte. Kein Wunder, daß diese Theorie widerspruchsvoll ist. Sie pendelt zwischen den zwei an sich folgerichtigen Kriterien, zwischen dem religiösen und dem nationalen. Dem einen entnimmt sie das subjektiv religiöse Moment, die Forderung eines Bekenntnisses; dem andern entlehnt sie das objektive nationale Moment, das der historischen Entwicklung. Der Widerspruch erfährt eine Steigerung und wird durchsichtig, sobald die pseudonationale Theorie die Erhaltung und Pflege der von ihr als Geist des Judentums fixierten Ideen zu einer nationalen Pflicht erhebt. Einerseits stellt sie diese Forderung im Namen eines nationalen Werturteils, andererseits muß sie anerkennen, daß eine Sittenlehre ihre Wertung nicht außerhalb ihrer selbst haben kann — und sucht die Ideen des Judaismus von allgemein kulturellen Gesichtspunkten aus zu begründen. Es werden also zwei heterogene Maßstäbe angelegt, die nur die Zweideutigkeit jener Theorie bloßstellen: Ist das Judentum eine Sittenlehre, so entscheidet über sie ein ethisches und nicht ein nationales Kriterium, sie muß zuvörderst in ihrer Disziplin Rechenschaft ablegen; sind ihre Ideen in der Ethik legitimiert, müssen sie allgemein menschliche Geltung behaupten; sind sie es nicht, können sie auch keine nationale Geltung beanspruchen. Die jüdische Sittenlehre kann nicht eine eigens für Juden reservierte Speziallehre sein, d. h. sie kann nicht aus nationalen Gründen für uns bindend sein; sie setzt ein Erkennen und ein Bekennen voraus, die sich nicht von einem auswärtigen Grund bestimmen lassen. Die Erhaltung und Pflege der als Geist des Judentums jeweilig auftretenden sittlichen Idee kann also nur eine

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