Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 8 (November 1916)
- Article
- Grundlagen des Nationaljudentums
- Date
- 1916-11-01
- Page
- 536 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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536 Jakob Klatzkin: die Seele geschwunden war, sich aufrichten konnte. Er klammerte sich an die Tradition und führte ihr dadurch neue Lebenskraft zu; es ist seine Kraft, die in ihr wirkt. Dieser ihrer nationalen Funktion verdankt die entseelte westjüdische Orthodoxie ihren Bestand. Als nun die nationale Bewegung einsetzte, hätte man annehmen müssen, sie werde mit dem Kriterium des „geistigen Judentums" endgültig aufräumen. Es geschah aber nicht. Das verhängnisvolle Kriterium blieb erhalten und wurde; in die Gedankenwelt der nationalen Renaissance übernommen. Noch heute hören wir, daß Verfechter der nationalen Idee den Geist des Judentums" anrufen. Die oft wahrnehmbare historische Erscheinung, daß Surrogate, die zur Erfüllung einer Aufgabe bestimmt sind, kraft des Trägheitsgesetze^^ Geltung nicht einbüßen auch lange nachdem sie ihre Funktion erledigt hatten, bestätigt sich auch hier. Das Schema eines geistigen Judentums, das der nationale Instinkt in seiner Abwehr als Ersatz für die Religion gebrauchte, hat sich seinerseits der nationalen Erkenntnis bemächtigt, die doch als Erkenntnis diese Abwehr nicht mehr benötigt, und für die jener Schutz eine Gefahr bedeutet. Soll aber unsere nationale Idee in Reinheit und Prägnanz erkannt werden, so müssen wir auch diesem Erbteil des „Judentums des Geistes" entsagen. Wir müssen die Tragweite der nationalen Denkart ermessen und dürfen die Scheidelinie zwischen zwei großen Epochen nicht verwischen lassen. 2. Bis zum Auftreten des nationalen Gedankens gab es zwei Kriterien des Judentums: das Kriterium der Religion, wonach das Judentum eine Lehre von Geboten und Verboten ist; und das Kriterium des Geistes, das im Judentum eine Lehre von Ideen, wie die Idee des Monotheismüs73es Messianismus, der absoluten Gerechtigkeit usw. ergründet. Die beiden Kriterien stimmen darin überein, daß sie das Judentum auf ein subjektives Moment beziehen, auf ein Bekenntnis. Sie beide definieren das jüdische Volk als eine Gemeinschaft: als Gemeinschaft auf Grundlage der Religion — das erste Kriterium; als Gemeinschaft auf Grundlage einer Weltanschauung — das zweite Kriterium. Wer die jüdische Religion ablehnt, stellt sich außerhalb der jüdischen Gemeinschaft — entscheidet die erste Definition; wer die Ideen des Judentums ablehnt, stellt sich außerhalb des Judentums — muß die logische Schlußfolgerung der zweiten Definition lauten. Das Kriterium des „Geistes" teilt sich nun in zwei Unterarten: die der Assimilation und die eines unreifen Nationalismus. Gegenüber diesen Kriterien tritt nun die dritte Definition auf: das Kriterium des konsequenten Nationalismus. Sie bezieht das Judentum auf ein objektives Moment. Sie lehrt: Jude-Sein bedeutet nicht ein religiöses oder ethisches Bekenntnis. Wir sind keine Glaubensgemeinschaft und keine Weltanschauungsgemeinschaft, sondern Glieder einer Familie, Träger einer gemeinsamen Geschichte. So stellt die Leugnung der jüdischen Weltanschauung nicht außerhalb des Judentums, wie das Bekenntnis zum Judaismus noch nicht zum Juden macht. Kurz, das nationale Bekenntnis bedingt nicht ein Bekenntnis zur jüdischen Religion oder zur jüdischen Weltanschauung. Macht denn das historische Band den ganzen Jnhalt unserer nationalen Zusammengehörigkeit aus? Kommt es nur auf das Gemeinschaftserlebnis, auf die Vergangenheit und Gegenwart einer historischen Familiengemeinschaft an? Kann man