Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 8 (November 1916)
- Article
- Grundlagen des Nationaljudentums
- Date
- 1916-11-01
- Page
- 535 (sequence 2)
- Language
- German
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Grundlagen des Nationaljudentums 535 Es gibt ein Judentum außerhalb jüdischer Lebensformen, es gibt ein jüdisches Bewußtsein ohne jüdisches Sein. Man ist Jude, ohne jüdisch leben zu müssen; man ist es erst recht, indem man nicht-jüdisch lebt. Es ist ein der Idee des Judentums innewohnendes Gebot, die nationalen Formen unserer Eigenart abzustreifen. Der erfinderische nationale Instinkt hat angesichts der ins Schwanken geratenen Religion und der hieraus entstandenen Krise diese Definition erfunden, die alle Zeichen des innern Konfliktes und des unbewußten Widerspruchs trägt, weil die zweideutige Aufgabe hat, ein Jude-Sein ohne Jüdisch-Sein zu ermöglichen. Diese Formel hat auch das Verdienst, das jüdische Bewußtsein ohne ein jüdisches Sein jahrzehntelang erhalten und die Krise hinausgeschoben zu haben. Die Folge konnte indes nicht ausbleiben. Das zur Geistigkeit verflüchtigte und auf einen Lehrinhalt reduzierte Judentum führte zur Assimilation. Sein Ideenkomplex — die Ideen des Monotheismus, des Messianismus, des Optimismus, der absoluten Gerechtigkeit usw., die in der Idee der Einen Menschheit münden sollen — hat keine nationale Bindung und Begrenzung; er fordert sie nicht, er fordert das Gegenteil. Eine Sittenlehre, eine Weltanschauung vermag nie ein nationales Differenzierungsmoment zu ersetzen, geschweige denn vermag es die jüdische Sittenlehre, die jüdische Weltanschauung. So entstand das fiktive Judentum in Westeuropa. Das ist die Genesis der Losung: Geist des Judentums. Der nationale Selbsterhaltungstrieb sträubte sich, das Todesurteil anzuerkennen und ersann eine raison d'etre, die nur für kurze Dauer ein Scheindasein unterstützen konnte; die aber ihrer ganzen Anlage nach dazu angetan war, unsere nationale Existenz zu untergraben. Das ist der Bankerott der Losung: Geist des Judentums. Die ersten Impulse der Assimilationsbewegung kamen nicht aus einem materialistisch gerichteten Streben, das, wie man gemeiniglich sagt, die jüdische Seele um das Linsengericht der Gleichberechtigung verhandeln wollte; sie kamen aus einer idealistisch bestimmten Gesinnung, die das Judentum nach Erschütterung seines religiösen Grundes als eine Ideologie erhalten zu können glaubte. Die Assimilationstendenz ist also — in ihrem Ursprünge — keineswegs Nachahmungssucht und Knechtschaft in Freiheit", wie man sie zu verleumden pflegt. Sie ist vielmehr eine Verirrung des nationalen Instinkts, der das Judentum als Lehrgehalt zu retten versuchte. Die eingetretene Folge Ist eine' aufrichtige Folgerung aus dem Kriterium des Judentums als Ideenkomplex: da diese Ideen sittlicher, allgemeinmenschlicher Natur sind und in einen entnationalisierenden Universalismus und Kosmopolitismus auslaufen mußten. So begreifen wir die tiefe Ironie, die als Ausdruck jenes innern Konfliktes sich darin kundgibt, daß die Wortführer des Emanzipationszeitalters das Aufgeben der jüdischen Sonderart in einem Atemzuge mit der stolzen Verkündung unserer Auserlesenheit und der Missionsidee, die fast einen nationalen Chauvinismus; enthält, als Postulate einer Weltanschauung des Judentums aufstellten. So begreifen wir die tiefe Ironie, daß die Assimilierung der Juden im Namen des Geistes des Judentums, im Namen unserer Propheten gefordert werden durfte. An einem ähnlichen Zwiespalt und an einer ähnlichen Ironie krankt auch die westjüdische Orthodoxie: sie wird nicht aus eigenen Lebenssäften gespeist. Der nationale Selbsterhaltungstrieb war es, an dem unsere Religion im Westen, aus der