Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 8 (November 1916)
- Article
- Ein Feldpostbrief aus dem Osten
- Date
- 1916-11-01
- Page
- 533 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Ein Feldpostbrief aus dem Osten 533 Kampf gegen die Unsittlichkeit im eigenen Volk als nationale Aufgabe ausruft. Nationalismus ist vor allem das Ringen mit der Gemeinheit und Unehrlichkeit im eigenen Herzen und im Volke. Das „Heilig sollt ihr sein'4 (man beachte schon den Plural!) ist das nationalste aller Gebote, und niemand verstand den Sinn des Nationalismus besser, als der Mann, der sein Volk zu einem Volk von Priestern machen wollte. Wenn Fichte in seinem natürlichen Volksbewußtsein schlechthin sagt: Deutsch-sein und Charakter-haben ist ein und dasselbe, — so hat er vom deutschen Volke den Nationalismus gefordert, den der Zionismus vom jüdischen fordert. In jenem kleinen Kreise hat sich gezeigt, daß viele unserer nationalen Gruppen nur Scheingebilde sind. Sogar Hebräischsprechen ist national wertlos, wenn nicht zugleich ein Neubruch in den Herzen gebrochen wird. Ich habe auch früher oft genug die Erfahrung gemacht, daß Menschen, denen die verpflichtende Kraft der sozialen Verantwortung zu schwer war und die ihr Herz zu den leichten und wesenlosen Spielen des Lebens trieb, den nationalen Gedanken, den sie einst mit Begeisterung zu erfassen schienen, verrieten und andere Wege gingen. Diese Wege sind verschieden; manchmal führen sie bis zur Prostitution. Es wird alles davon abhängen, ob die nationale Bewegung die Kraft haben wird, nicht nur eine formelle (z. B. parteipolitische) Scheidung herbeizuführen, sondern dem Leben jedes Einzelnen den zentralen Sinn zu geben; ob die jüdischen Menschen, die die Zukunft des Volkes verbürgen, die nationale Forderung in ihrem ganzen, im Grunde höchst-menschlichen Umfang zu verwirklichen unternehmen werden. Ich glaube, daß dabei von größter Bedeutung ist, ob diese Bewegung die Frauen ergreifen wird. Nicht nur darum, weil die Frauen die Macht über die kleinen Bezirke des Lebens haben, wo sich das persönlichste Schicksal jedes Menschen vollzieht, nicht nur weil das Weibliche uns zwar hinanzuziehen, aber auch hinabzuziehen vermag, weil durch es das Leben unvergleichlich geadelt oder unvergleichlich beschmutzt werden kann; sondern auch schon darum, weil unsere geistigen Güter der Liebe der Frauen bedürfen, um ihre Erstarrung zu lösen und wieder lebendig und fruchtbar zu werden. Dazu kommt noch der Umstand, daß der Schwerpunkt des geistigen Lebens bei uns im Hause liegen wird, — ungeachtet des noch ungewissen Schicksals der jüdischen Schule; die Kräfte des Mannes aber werden durch die Anforderungen des Erwerbslebens immer ausschließlicher in Anspruch genommen, und wir haben auch keine Berufe und Einrichtungen, die — wie bei anderen Völkern etwa Universitäten, Professoren, Lehrer usw. — die Verwaltung des geistigen Besitzes besorgen (von den Rabbinern muß ja leider vorläufig abgesehen werden); die Frau aber kann in ihrem Hause dem Geist und der Schönheit eine Stätte errichten. Was könnte aus den Scharen prachtvoller, gesunder, munterer jüdischer Kinder werden, die ich hier überall sehe, wenn wir die rechten Frauen hätten! Darum muß die Erziehung unserer Mädchen als eine der wichtigsten nationalen Aufgaben erscheinen. Heute sind unsere Frauen noch weit entfernt. Im Westen ist der Durchschnittstypus des jüdischen Mädchens ein hoffnungslos oberflächliches Geschöpf; im Osten hat an das noch unverdorbene gute Material der Krieg in trauriger Weise Hand angelegt und ein Zerstörungswerk begonnen, dessen Grenzen wir nicht sehen. Wie finden wir von hier zu unserem nationalen Frauenideal? Aber im Osten gibt es auch Gruppen junger Menschen, in denen der ganze Stolz des Jude-Seins erwacht ist, die in leidenschaftlicher Hingabe die alte Sprache zum Leben bringen und die Entartung ihres Volkes als tiefe Schmach empfinden. Die