Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 8 (November 1916)
- Article
- Ein Feldpostbrief aus dem Osten
- Date
- 1916-11-01
- Page
- 532 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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532 Robert Weltsch: sagte die eine traurig, „es ist schlimmer als jemals".*) Aber diese wenigen Mädchen, die ich zu treffen das Glück hatte, halten zusammen, und halten fest an der Idee ihres Lebens, für die die Zeit wiederkommen wird, Sie waren überrascht, bei einem Offizier Interesse für hebräische Sprache und sogar einige Kenntnisse zu finden; und ich fühlte nach langer Zeit wieder dankbar Verbundenheit mit Menschen. So gingen wir ein paar Stunden und sprachen von den gemeinsamen, teueren Dingen; sie kannten Bialik wie Frischmann, Jesaia wie Jeremia, und ihre Augen leuchteten, wenn sie die Verse zitierten. Und als wir gegen Abend zur Stadt zurückkehrten, geschah etwas Seltsames: die Mädchen blieben verlegen stehen und baten mich, sie jetzt zu verlassen; sie könnten nicht mit einem Offizier in die Stadt gehen. So übertrieben dies auch scheinen möge, sagte die Wortführerin schüchtern, es geschähen solche Dinge in der Stadt und die meisten Mädchen hätten sich so sehr vergessen, daß die wenigen, die dieses Treiben mißbilligen und dagegen protestieren, auch nicht den leisesten Schein erregen dürfen, als gingen sie ähnliche Wege. ,,Es kennt Sie ja niemand und man weiß nicht, was wir sprechen, und es wird nur heißen: auch die und die schon . . ." Ich hätte jubeln mögen ob dieser Worte, aber ich erklärte nur, daß ich verstehe, und fragte, warum sie, statt nur sich abseits zu halten, nicht auf die andern Mädchen — die meisten waren ja früher Klubschwestern! — einzuwirken und den guten Geist zu wecken trachten. Die Mädchen waren sehr erregt, man merkte, wie nahe ihnen die Sache ging9 die ihr eigenes Leben so eng betraf, und es war, als ob sie sich für die Verbrechen aller irgendwie schuldig fühlten. Und mit gequältem und verhaltenem Ton entrang sich einer Brust der Ruf: ,,0, wenn wir nur einen Führer hätten, ich möchte mich ja aufopfern ..." Hier hörte ich die Sehnsucht nach einer erlösenden, befreienden Tat; dieses Mädchen litt unter der Schuld der Gemeinschaft, der sie angehörte, und wußte, daß alles darauf ankommt, diese Schuld zu sühnen. Vielleicht ist dies die Verzweiflung, die wir brauchen; vielleicht hat uns der Krieg zu allem Elend auch diese Verzweiflung beschert, die ,,der höchste der Sendlinge Gottes" ist; die Einsicht in den völligen Zusammenbruch, die den Menschen und das Volk, im Bewußtsein der letzten Entscheidung, das Äußerste wagen und sein Leben mit seiner Tat verbinden läßt. Diese Mädchen haben verstanden, was Nationalismus ist. Daß Nationalismus nicht ein Programm von Schlagworten ist, sondern ein Lebensprogramm. Der Wille zur Heiligung des Lebens, der Wille, für die Gesundung und Reinheit der Gemeinschaft selber einzustehen. So wie sie die hebräische Sprache mit der ganzen Glut ihrer jungen Herzen erfaßt und den Geist der Propheten ebenso wie die unvergängliche Schönheit ihrer Worte begriffen haben, so wie sie die nationalen Werte für sich wirklich machen wollen, so wissen sie auch, daß Nationalismus vor allem Wahrheit, Wirklichkeit des eigenen Lebens bedeutet; daß es schlechthin unvereinbar und eine Farce ist, sich national zu nennen und in jener egozentrischfrivolen Lebensauffassung zu verharren, die ein trauriges Merkmal der richtungslosen Juden ist. Und daß uns nicht nur angeht, ob einer für nationale Zwecke etwas zahlt oder in diesem oder jenem Verein sitzt, sondern daß in gewissem Sinn die gesamte Lebensführung dieses Juden eine Angelegenheit von nationaler Bedeutung ist. Das großartigste Dokument unserer nationalen Bewegung ist Herzls „Mauschel"-Aufsatz, der die Scheidung mit genialer Klarheit ausspricht und den *) Seitdem geriet das Städtchen schon wieder in die Gewalt der Russen.