Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 8 (November 1916)
- Article
- Ein Feldpostbrief aus dem Osten
- Date
- 1916-11-01
- Page
- 534 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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- IRI
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534 Jakob Klatskin: mit einem tiefen nationalen Lebenswillen die geistige Energie verbinden, welche die einzige Waffe unseres Volkes ist. Es ist ein Trost, daß die Schwungkraft dieser Jugend für unser Volk bereitsteht. Ob die Bewegung, in die unser Volk geraten ist, ein zielloses Umher streifen auf den Landstraßen oder einen Aufbruch nach der Heimat bedeutet, ob die Krise, in der wir stehen, zur Entartung und Auflösung oder zu Aufstieg, Erhöhung und alter Herrlichkeit führen wird, ist eine Frage, die nicht außer uns, sondern durch uns entschieden werden muß. Im Felde Robert Weltsch GRUNDLAGEN DES NATIONALJUDENTUMS*) Erstes Kapitel Irrwege des nationalen Instinkts i. Als die „Aufklärung" die Festen der jüdischen Religion erschütterte, tauchte zum erstenmal die folgenschwere Judentumsfrage, die für unser Schicksal entscheidender als die Judenfrage ist, auf: Gibt es ein Judentum außerhalb der jüdischen Gesetzestreue? Waren doch Judentum und jüdische Religion jahrtausendelang identisch, mußte nicht die Loslösung vom jüdischen Religionsgesetze die Loslösung vom Judentum schlechthin bedeuten? Der unbewußt-nationale Selbsterhaltungstrieb wehrte sich gegen dieses Todesurteil. Er suchte einen neuen Existenzgrund für das Jude-Sein, das seiner alten Grundlage verlustig gegangen ist. In dieser Verlegenheit fand er einen Ausweg in der Einsetzung eines Surrogats für die Religion. Einige abstrakte Ideen, die nach Abwerfen der sogenannten religiösen Schale zurückbleiben, sollen einen Ersatz für den entwerteten Inhalt bilden. Sie werden bald als der ewigliche Kern verkündet, der den Bestand des Judentums in aller Ewigkeit gewährleistet. So sind beide Forderungen, die der Aufklärung und die des unbewußt-nationalen Selbsterhaltungstriebes, befriedigt: die Schranken der Religion aufgehoben,, das Judentum jedoch nicht aufgegeben. Eine Ideologie wird konstruiert, die dem Zeitgeist vollauf entspricht und zugleich das Judentum aus der Ruine der Religion errettet. Sie wird von dem aus seelischem Zwiespalt hervorgegangenen Bedürfnis geleitet, ein Judentum ohne jüdische Lebensformen zu ermöglichen. Sie kann es nur, indem sie die jüdischen Formen aus dem Wesen des Judentum ausschaltet; indem sie das Judentum als Idee erklärt, und zwar als Idee, die gegen jede Sonderform gerichtet ist. An Stelle der früheren Identität von Judentum und jüdischer Religion tritttnunmehr^ die Identität von Judentum und Menschlichkeit. An Stelle der religiösen und' nationalen Enge tritt die kosmopolitische Weite. Judentum wird als Idee der Menschheit deklariert; sie allein ist sein Wesen; alles andere ist nur Beiwerk. Somit ist das gesuchte bequeme Judentum gefunden. *) Das erste Kapitel dieser Abhandlung ist in anderer Fassung 1912 irn?„Haschiloachu, eine Wiedergabe seines Inhalts in der „Freistatt" erschienen. Zu den Gedankengängen Klatzkins werden wir nach vollendetem Abdruck Stellung nehmen. (Anm. d. Red.)