Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 8 (November 1916)
- Article
- Ein Feldpostbrief aus dem Osten
- Date
- 1916-11-01
- Page
- 531 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Ein Feldpostbrief aus dem Osten 531 daß der Jude für sein Geschäft fürchtet; und nie war ihm der alles vermögende Wert des Geldes so deutlich wie durch den Krieg: was fängt der Flüchtling, der unbewegliches und bewegliches Gut zurücklassen muß, an, wenn er nicht das eine hat, das er mitnehmen kann und das ihm an seinem Zufluchtsort eine halbwegs menschliche Lebensführung ermöglicht? Nun ist aber der Hauptteil des Geschäftes der Juden im Kriegsgebiet der Verkauf an Militär, dessen Wohlwollen sie daher nicht zu verscherzen wagen. Offiziere sind auf Quartier bei Judenfamilien, Offiziere sitzen, oft als einzige Stammgäste, in den zahlreichen jüdischen Gasthäusern und Weinstuben (auf dem Lande ist jedes jüdische Haus ein ,,Gasthaus*% und überall sind Töchter. Die aus „Geschäftsrücksichten" geduldete Vertraulichkeit, die ich unzählige Male mit ansehen mußte, war mir vielleicht noch peinlicher und widerwärtiger als irgendeine völlige Verkommenheit. — Die andere Ursache wurde schon angedeutet. Das ist die innere Schwäche der Mädchen selbst, die oft eine geheimnisvolle Sehnsucht nach Leben und fremdem Glück haben, der hier Erfüllung zu winken scheint, oft auch nur Vergnügen und Unterhaltung suchen. Alle Abstufungen von ahnungsloser Torheit bis zu raffinierter Gemeinheit wird man hier finden. Diese Stimmung kommt jedenfalls den Wünschen der Soldaten entgegen; so kommt es, daß in größeren Städten sicher jeder deutsche oder österreichische Soldat sein jüdisches Mädchen findet. Anklagen ist zwecklos. Aber um Hilfe soll gerufen werden. Warum ist dieses furchtbare nationale Unglück so wenig beachtet worden? Warum verwendet man Energie auf ohnehin zwecklose Apologetik, „widerlegt" allerlei antisemitisches Geschwätz und kümmert sich nicht um das Geschwür, das an der zartesten Stelle unseres Gemeinschaftskörpers frißt? Unsere öffentlichen Organe, Rabbiner, Lehrer, Presse, müssen allen ihren Einfluß aufbieten, die Eltern müssen verhalten werden ihre Pflicht zu tun. Vor allem aber sollten die Organisationen eingreifen, die eine Wiederbelebung unseres Volkes zur Parole haben; mir ist nicht bekannt, daß dies geschehen wäre, ja nicht einmal die sozialistischen Organisationen wie Poale-Zion haben etwas unternommen, um dem Übel wenigstens in den jüdischen Proletarierkreisen zu steuern. Und doch ist die Erhebung des Volkes zu nationaler Denkungsart die einzige Rettung, die ich sehe. Sie vermag, insbesondere wo die Fessel der Religion versagt, den sittlichen Halt zu schaffen, der die Bedingung für eine reine Lebensführung ist. ¥ Eine schöne trostreiche Erinnerung ist mir eine Begegnung, von der ich kurz erzählen will. Ich kam mit all diesen trüben Gedanken in ein kleines, fast völlig zerstörtes Städtchen Ostgaliziens und als ich, die Gesellschaft der Kameraden verlassend, allein in den Straßen ging, lernte ich durch einen Zufall mehrere Mädchen kennen, an die ich schnell einige Fragen über die Lage der Juden stellte. Da erfuhr ich, daß diese Mädchen Zionistinnen sind, daß sie perfekt Hebräisch können und mit echter Begeisterung und innigem Glauben jüdisch sein wollen. Es gab durch fünf Jahre eine hebräische Schule in der etwa 4000 Einwohner zählenden Stadt; die Kinder lernten fast alle Hebräisch, und für die Mädchen, die auch einen hebräischen Klub niit großer Bibliothek hatten, gab es keine andere Verkehrssprache. Nun ist alles zersprengt, die meisten waren geflüchtet, die Bibliothek ist von den Russen vernichtet, die Leute haben andere Gedanken — „alles denkt jetzt nur an Geld verdienen44, 37*