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Der Jude · 1916-11-01 · Heft 8 (November 1916) · p. 530

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 8 (November 1916)
Article
Ein Feldpostbrief aus dem Osten
Date
1916-11-01
Page
530 (sequence 2)
Language
German
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530 Robert Weltsch: aus fremden Ländern in Berührung und Verkehr. In die Ruhe und das Einerlei des Städteis drang das lärmende und ungebundene Treiben; die von ihrer Heimat getrennten, in Untätigkeit und in nie gekannter Schrankenlosigkeit lebenden Männer suchen Abenteuer, Zeitvertreib, Vergnügen — welcher Art dieses ist, braucht nicht erst gesagt zu werden. Die völlige Veränderung, auf die das Leben eingestellt ist, macht auch aus Philistern Wollüstlinge. Immer waren für den Krieger die hübschen Mädchen ein besonderer Anziehungspunkt, und auch in diesem Krieg, der noch nicht dagewesene Riesenverbände ins Land wirft, ist die Lockerung der Sitten eine Begleiterscheinung, die unerschöpflichen Stoff für unsere — Witzblätter bietet. Auf dem russischen Kriegsschauplatz, wo die niedere bäurische Bevölkerung für einen Verkehr so gut wie überhaupt nicht in Betracht kommt, gibt es eine gesuchte Attraktion: die „schöne Jüdin". Die Jüdin ist in den Wirbel dieses wechselnden Lebens hineingerissen, sie ist geblendet durch den Glanz des ungewohnten Umgangs. Das zieht sie auf der höheren Stufe in die neue Welt; auf der niederen Stufe nützt sie einfach die Konjunktur aus. Der Soldat folgt nur seinem primitiven Unterhaltungstriebe, um sich sein Leben erträglicher zu machen; er ahnt ja nicht, daß er dabei an unser Heiligstes tastet. Die erste größere Stadt, die ich auf meinem Kriegszug betrat, war (nach dem Karpathenkrieg, der Schlacht bei Gorlice und der polnischen Offensive) Lublin, und schon am Tage nach der Besetzung durch unsere Truppen war der Korso auf der Krakauer Straße so dicht gedrängt wie auf der Friedrichstraße, es wimmelte dort von Offizieren und von Judenmädeln. Ich kann nicht sagen, wie mir zumute war, als dann im Kreise der Kameraden mit dem in Männergesellschaft üblichen, frivolen Ton und in leicht zu erratendem Zusammenhang von den „schönen Jüdinnen" gesprochen wurde. Ich habe vielleicht niemals die Erniedrigung unseres Volkes so schmerzhaft gespürt wie damals, und empfand brennende Scham und ein schauderhaftes Gefühl der Ohnmacht, da ich nicht widersprechen konnte, und eine wütende Empörung über die Töchter Israels, die die Würde ihres königlichen Blutes preisgeben. Seitdem bin ich demselben Schauspiel in allen möglichen Formen unzählige Male begegnet. Nicht nur, daß die berufsmäßige Prostitution zugenommen hat (diese ist trotzdem noch relativ verschwindend klein), sondern auch nur aus Leichtsinn und Übermut lassen sich die Mädchen mit den Offizieren ein und merken nicht, welche Erniedrigung für sie in diesen Scherzen liegt, die sie sogar noch als Freundlichkeit, ja als Ehre, jedenfalls als gute „Unterhaltung" hinnehmen. Man bedenke, daß dieser Zustand schon zwei Jahre dauert. Ein Mädchen, das bei Kriegsausbruch vierzehn Jahre war, ist jetzt völlig verdorben (ich meine „verdorben" in einem höheren Sinne: dem Ernst ihrer Pflicht verloren). Ich sprach einmal mit einer Frau über diese Zustände und sie sagte: Ich danke Gott, daß meine Tochter erst zwölf Jahre alt ist. Die Quelle des Übels ist offenbar eine zweifache. Einmal ist da das Bestreben, dem Militär in jeder Hinsicht entgegenzukommen, um seine Loyalität zu beweisen. Man kann das erst verstehen, wenn man die grenzenlose Verängstigung dieser Menschen in Betracht zieht, an deren Wohnort mehrmals der Gewalthaber gewechselt hat, die schon allerlei Greuel gesehen haben und ja in den meisten Fällen roher Gewalt völlig preisgegeben sind. Da lernt man sich ducken und sich fügen, und so mancher Vater wagt dem Wunsch des fremden Herrn nicht zu widersprechen, obwohl er zitternd das Wohl seines Hauses bedroht sieht. Dazu kommt aber noch,,

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