Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 8 (November 1916)
- Article
- Die allgemeinen Gesetze der Assimilation und die Ostjuden
- Date
- 1916-11-01
- Page
- 528 (sequence 25)
- Language
- German
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528 Berl Locker: Die allgemeinen Gesetze der Assimilation und die Ostjuden sierung den Zuzug der Tschechen nach Wien und Deutschböhmen eindämmen würden, würden die tschechischen Minderheiten schnell assimiliert werden. Die jüdischen Minderheiten würden also, sobald erst die Bedingungen der Assimilation gegeben sind, dieser rettungslos preisgegeben bleiben, da die jüdische Nation kein Gebiet besitzt, das den Minderheiten Nachzügler zuschicken könnte. Aus unseren bisherigen Ausführungen ergibt sich schon, daß wir in den jüdischen Minderheiten große Kräfte der Erhaltung und Entwicklung walten sehen. Das achte Gesetz der Assimilation (das nach dieser Auffassung Bauers eigentlich so ergänzt werden müßte: Minderheiten, die keinen Zuzug erhalten, sind historisch der Assimilation verfallen) ist für uns eben nur ein Gesetz, und auch Bauers Wendung „wenn nur sonst die Bedingungen gegeben sind" bedeutet eigentlich schon ein Verlassen des erwähnten Standpunktes. Es wurde schon oben darauf hingewiesen, daß die Nationsmehrheit auch auf andere Weise die Widerstandskraft der Minderheit heben kann, als durch die stetige Zuführung von neuem Menschenmaterial. Je größer der Verkehr der Minderheit mit der eigenen Nationsmehrheit, desto größer ihre Widerstandskraft gegen die Assimilation. Ähnlich wirkt natürlich auch der Verkehr zwischen Minderheiten derselben Nation. Die jüdischen Minderheiten entbehren nun allerdings auch dieser Verkehrseinwirkung eines nationalen Mehrheitsgebietes. Desto stärker ist aber die Wechselwirkung der jüdischen Siedlungen untereinander. Gerade der Kapitalismus ist es wieder, der diese gegenseitige Einwirkung in höchstem Maße verstärkt. Die Eisenbahnen haben die verschiedenen Siedlungen ganzer Länder einander nähergebracht, den Zusammenhang zwischen den einzelnen jüdischen Bevölkerungen verstärkt. Wer die Bedeutung neuer Verkehrsmöglichkeiten für die Entwicklung des Verkehrs zwischen Juden verschiedener Orte genügend würdigen will, der braucht nur in Friedenszeiten eine der galizischen Bahnen zu besteigen. Er könnte da auch erfahren, welche Bedeutung die jiddische Sprache durch den Kapitalismus erhalten hat. Das ganze galizische Judentum ist hier mehr denn je eine Gemeinschaft, die Eisenbahnlinien sind gleichsam das gemeinsame Nervensystem, das alle Teile verbindet. Selbst die kleinste Zwerggemeinde kann jetzt sehr leicht mit einer größeren Stadt in engeren Kontakt kommen. Der Einfluß der größeren auf die kleineren Orte wächst von Tag zu Tag. So werden die jüdischen Siedlungen in ihrer gegenseitigen Einwirkung zu einer kompakten Masse, die — wenn der Ausdruck gestattet ist — in sich selbst gewisse Mehrheitsqualitäten trägt. Durch ihre große Zahl und ihren immer stärkeren inneren Zusammenhang erlangen sie einen Grad der Widerstandsfähigkeit wie wenige andere Minoritäten. Aber über die Grenzen der Staaten hinaus wächst der Verkehr zwischen den jüdischen Volksteilen. Galizien und die Bukowina, Rußland, Rumänien treten in immer stärkeren geistigen Tausch verkehr. Der große Einfluß der jüdischen Arbeiterbewegung in Rußland auf das Erwachen des jüdischen Proletariats in Österreich ist bekannt. Die verschiedenen Vereinsbibliotheken, die Rechnungen von Buchhandlungen und Zeitschriftenverwaltungen könnten da aufschlußreiche Einblicke gewähren. Die jüdischen Zentren in Osteuropa sind durch einen beständigen Strom von Auswanderern mit den neuen Niederlassungen im Westen Europas und in Amerika verbunden, die Emigranten bleiben mit der Heimat in beständigem Kontakt, die literarischen Erzeugnisse der alten Heimat finden in den neuen Zentren Absatz, Zeitungen, Zeitschriften und Bücher kommen in großer Zahl von dort nach Europa. Dieselben geistigen