Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1916-11-01 · Heft 8 (November 1916) · p. 529

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 8 (November 1916)
Article
Die allgemeinen Gesetze der Assimilation und die Ostjuden
Date
1916-11-01
Page
529 (sequence 26)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3101111-3101112-8875887-3109184--0736-3109250
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Robert Weltsch: Ein Feldpostbrief aus dem Osten 529 gen Strömungen und politischen Bewegungen hier wie dort. Schon entstehen Organisationen, die alle ostjüdischen Siedlungen umspannen. Die Heldenkämpfe der russischen Judengasse finden in Amerika ein lautes Echo und tatkräftige Unterstützung. Und der jüdische Arbeiter Osteuropas begleitet die wirtschaftlichen Kämpfe des amerikanisch-jüdischen Proletariates mit tiefem persönlichem Interesse. Kein Zweifel, auch hier sind starke Kräfte am Werke gegen die Assimilation. * * * So sehen wir Wirklichkeit und Tendenzen des ostjüdischen Lebens. Niemand kann besser als wir wissen, welch schwierige und tragische Probleme dieses Leben in sich birgt, welche Hemmungen seiner Entfaltung sich entgegenstellen. Aber die Lebenskraft und der Lebenswille unseres Volkes stehen für uns außer allem Zweifel. Und wir empfinden es als Unrecht und Schmach, wenn man über das Ringen dieses Volkes um Leben und Entwicklung mit mehr oder weniger willkürlichen Deutungen und Formeln zur Tagesordnung übergehen will. Haag Berl Locker EIN FELDPOSTBRIEF AUS DEM OSTEN Das Schicksal des Krieges hat zahllose Juden zu Boden geworfen; es hat sie ihres Daseinsgrundes beraubt und zu flüchtigen Landstreichern gemacht. Der Krieg hat mehr jüdische Massen in wirbelnde Bewegung gebracht als irgendein Ereignis der letzten Jahrhunderte. Kaum ist noch zu übersehen, welche Wandlungen vorgegangen sind, und niemand kann wissen, welche äußern und innern Veränderungen dem Judentum noch bevorstehen. Ein endgültiges Urteil kann niemand fällen; aber ich will nur einige Beobachtungen berichten, die mir von größter Wichtigkeit scheinen, und denen, wie ich glaube, bisher nicht die gebührende Beachtung geschenkt wurde. Ich meine den Umstand, daß der weibliche Teil unseres Volkes einen unwiederherstellbaren Schaden genommen hat; man denke aber nicht an Leiden durch Gewalt, Schändung und Vergewaltigung (was ja insbesondere in den von russischen Heeren besetzten Gebieten oft genug vorgekommen ist), sondern ganz jenseits dieser Greuel steht die traurige Tatsache, daß die Wirkung der durch den Krieg geschaffenen Verhältnisse eine verderbliche war. Der Krieg hat die innere Struktur des jüdischen Volkes zerbrochen; in die Enge des jüdischen Lebens drang viel Neues, und durch die Erschütterung der alten Gemeinden, durch die Erweiterung der Grenzen in der durch die neuen Verbände neu geordneten Gesellschaft wurden Verlockungen geschaffen, denen die bisher in der Abgeschlossenheit Lebenden nicht immer besonnenen Widerstand zu leisten vermochten. Das Element, für das die Versuchung am stärksten war und das am schlechtesten bestand, sind die Frauen und Mädchen. Was der Krieg aus ihnen gemacht hat, halte ich für das größte nationale Unglück, das uns betroffen hat. Beinahe das ganze Ostjudenland ist Kriegsgebiet und Etappe; es wurde plötzlich von den Riesenheeren überflutet, und die jüdische Bevölkerung kam mit allen möglichen, verschiedenartigen Menschen Heft 8. 37

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.