Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 8 (November 1916)
- Article
- Die allgemeinen Gesetze der Assimilation und die Ostjuden
- Date
- 1916-11-01
- Page
- 527 (sequence 24)
- Language
- German
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Die allgemeinen Gesetze der Assimilation und die Ostjuden 527 Allerdings gibt es gewisse Schichten, die stark zur Assimilation neigen. Es sind dieselben Schichten, bei welchen wir eben die Zerstreuungsideologie festgestellt haben, also Teile der Bourgeoisie, Intelligenz, des Kleinbürgertums. Auch einzelne proletarische und proletarisierte Schichten können hierher gerechnet werden, etwa ein Teil der besser situierten Privatbeamtenschaft, Angestellte einzelner Branchen, die hauptsächlich auf nichtjüdische oder assimilierte jüdische Kundschaft angewiesen sind. Die Gründe der Neigung zur Assimilation sind mit den oben für die Zerstreuungsideologie angeführten identisch. Zerstreuung und Assimilation hängen eben nicht nur zeitlich und kausal, sondern auch ideologisch und psychisch zusammen. Wir sahen aber auch schon oben, daß die Entwicklung die soziale Gliederung des Ostjudentums immer mehr zugunsten der zunächst objektiv, dann subjektiv der Assimilation feindlichen Elemente verschiebt. Der Bankrott des Assimilationsgedankens kommt sogar noch viel rascher, weil auch Bourgeoisie und Intelligenz es sehr bald schmerzlich erfahren müssen, daß die Assimilation den Konkurrenzkampf gar nicht aufhebt. Der Boykott in Polen war nicht nur gegen die „Litwaki" und die nicht assimilierten polnischen Juden, sondern gegen alle ohne Ausnahme gerichtet. Wir können also jetzt schon die am Anfang des Abschnittes gestellte Frage nach der Assimilierbarkeit der Ostjuden dahin beantworten, daß das Ostjudentum aus Minoritäten gemischten Charakters besteht, die assimilierbare und nicht assimilierbare Teile einschließen, daß aber im Laufe der Entwicklung die Bedeutung der assimilierbaren Elemente stetig fällt, die der nicht assimilierbaren stetig wächst. Ob sich das Ostjudentum von den assimilierbaren Elementen je ganz befreien wird, ist eine andere Frage. Es wird wahrscheinlich immer gewisse Elemente der Bourgeoisie und der Intelligenz geben, die sich durch ihre ökonomischen und gesellschaftlichen Interessen zu den Mehrheitsnationen hingezogen fühlen werden. Nicht nur als tatsächlicher Vorgang der sprachlich-kulturellen Absplitterung einzelner Individuen vom Volksorganismus, sondern auch als politiche Idee wird die Assimilation voraussichtlich in absehbarer Zeit nicht ganz aufhören. Aber sie wird der Gemeinschaft als solcher immer weniger gefährlich werden. Der Mangel eines eigenen geschlossenen Siedlungsgebietes verurteilt uns nicht zum nationalen Untergang. Aber in tausend Formen macht er sich in unserem ökonomischen, politischen und kulturellen Leben fühlbar. Wir sind eine Nation von Minderheiten und teilen als solche das Schicksal der Minderheiten überhaupt. Führt die ökonomische Entwicklung auch nicht zur sprachlichen Assimilation, so führt sie auch nicht zur vollständigen sprachlichen Isolierung. Die Notwendigkeit vollständiger sprachlicher Anpassung besteht für die große Masse nicht. Aber ein gewisses Maß der Beherrschung der Mehrheitssprache (oder der Mehrheitssprachen) wird auch für die breiten Massen immer wünschenswerter erscheinen. Auch die heißesten Anhänger jüdischer Schulen mit eigener Unterrichtssprache leugnen nicht, daß die Sprache der Mehrheit aus dem Unterrichtsprogramm nicht ausgeschlossen werden darf. Aber ähnlich ist die Lage auch bei den Minderheiten anderer Nationen, ohne daß sie deswegen dem Untergange geweiht wären. Bauer allerdings scheint anzunehemen, daß die nationalen Minderheiten überhaupt auf die Dauer aus eigener Kraft sich nicht erhalten können. Die Lebensfähigkeit der tschechischen Minderheiten beruhe darauf, daß sie steten Zuzug aus der Heimat empfangen. Sobald der Geburtenrückgang im tschechischen Gebiet und dessen Industriali-