Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 8 (November 1916)
- Article
- Die allgemeinen Gesetze der Assimilation und die Ostjuden
- Date
- 1916-11-01
- Page
- 526 (sequence 23)
- Language
- German
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526 Berl Locker: Zentren auf produktiverer Grundlage schafft, zum Teil in der Tendenz zur Schaffung spezieller jüdischer Arbeitszweige, zum Teil auch im direkten Kampf um die Zulassung zu bestimmten Produktionen, zu welchen die jüdischen Arbeiter heute keinen Zutritt haben.*) Auch hier kann man also nicht ohne weiteres von einer wesentlichen Verengung des Verkehrs reden. Der jüdische Arbeiter arbeitet und verkehrt vornehmlich mit jüdischen Arbeitern. Mit ihnen muß er zusammen um höhere Löhne, kürzere Arbeitszeit kämpfen, zu politischen, kulturellen, gewerkschaftlichen Organisationen sich verbinden. Jüdische Sprache und Kultur werden ihm mehr als Tradition, sie sind ihm Werkzeuge seines Kampfes um höhere Daseinsbedingungen, Symbole seiner menschlichen und nationalen Würde. Ist also das Proletariat schon von vornherein der geborene Träger und Vorkämpf er der demokratisch-nationalen Regeneration, so führen es auch im weiteren Verlaufe seiner Entwicklung seine Interessen nicht zur Assimilation. *) Zur Illustration seien zwei charakteristische Resolutionen des „Bundes" (Allg. Jüd. Arbeiterbund in Litauen, Polen und Rußland) hier kurz wiedergegeben. Die erste, auf einer Beratung im Juli 1911 angenommene, lautet: „Die Beratung konstatiert, daß zwischen den Faktoren, welche die in einigen Produktionszweigen neben der allgemeinen Tendenz des Eindringens des jüdischen Proletariates in die größere Industrie bemerkbare Verdrängung oder Nichtzulassung jüdischer Arbeiter hervorrufen, das Streben der Bourgeoisie, klassenbewußte durch unbewußte Arbeiter zu ersetzen, eine wichtige Rolle spielt, welches Streben unter den gegebenen Bedingungen die Form des Ersetzens jüdischer Arbeiter durch nichtjüdische annimmt. Einen wichtigen Platz nimmt auch die in einigen Gruppen des Proletariats eingewurzelte und von den Unternehmern vorsätzlich geförderte Tradition ein, gewisse Produktionen als Monopol zu betrachten und Arbeitern einer anderen Nation den Eintritt zu verwehren." Der weitere Teil der Resolution spricht sich gegen die Bekämpfung dieses Übels durch künstlich-philanthropische Mittel aus und schlägt die Schaffung internationaler gewerkschaftlicher Organisationen vor, die für die Regelung der Arbeiteraufnahme ohne Rücksicht auf die Nationalität kämpfen sollen. Die Resolution schließt: „Die Beratung warnt gleichzeitig die jüdischen Arbeiter vor der Agitation eines gewissen Teiles der jüdischen Bourgeoisie zur Lösung dieser Frage durch die Organisierung des so genannten nationalen Schutzes auf ökonomischem Boden*, weil diese Pläne nicht nur utopisch sind und die Frage nicht lösen können, sondern schon die Agitation für sie nur das Klassenbewußtsein der Arbeiter aller Nationen verdunkeln und die nationale Zerrissenheit zwischen ihnen verstärken kann." Die zweite Resolution (Juni 1912) fordert wiederum die Gründung internationaler Gewerkschaftsvereine, empfiehlt die Fortsetzung der Versuche friedlicher Beilegung vorkommender Konflikte, spricht sich für die Behandlung derjenigen Arbeiter, die gegen die Zulassung jüdischer Arbeiter kämpfen, als „Gelber" aus und schließt: „Gleichzeitig konstatiert die Beratung, daß die Sozialdemokratie Litauens und Polens a) in ihren Kundgebungen zu dieser Frage systematisch den groben Vorurteilen der rückständigen Schichten der polnischen Arbeiterschaft nachgegeben hat; b) als Antwort auf den Vorschlag der jüdischen Arbeiter wegen einer Verabredung sich erlaubt hat, vom jüdischen Proletariat zu fordern, daß es seinen nationalen Besonderheiten, insbesondere der jüdischen Sprache entsage, und sie es als notwendige Bedingung für die Beilegung des Konfliktes erklärt hat, daß die jüdischen Arbeiter den Sonntag feiern und in die Fachgruppen, die einen Teil der Organisation der P. S. D. (Polnische-Sozial-Demokratie) bilden, eintreten. Wegen dieser Stellungnahme der P. S. D. fällt auf diese Partei in sehr hohem Maße die Verantwortlichkeit dafür, daß die ersten Schritte zur Beilegung des traurigen Konfliktes nicht zum Ziele geführt haben. Die Konferenz hält es auch für notwendig, zu erklären, daß auch die zweite sozialdemokratische polnische Organisation, die P. P. S. (Polnische Sozialistische Partei) zu dieser brennenden Frage kein genügend aufmerksames und aktives Verhältnis gezeigt hat."