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Der Jude · 1916-11-01 · Heft 8 (November 1916) · p. 525

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 8 (November 1916)
Article
Die allgemeinen Gesetze der Assimilation und die Ostjuden
Date
1916-11-01
Page
525 (sequence 22)
Language
German
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Die allgemeinen Gesetze der Assimilation und die Ostjuden 525 Und auch da wäre die Wahrscheinlichkeit der Assimilation sehr gering. Die ältere Generation jüdischer Arbeiter gehört psychologisch noch in die alte jüdische Welt. Vorn christlichen Arbeiter trennt sie die Kluft der Religion, Tradition und Lebensanschauungen. Die junge Generation des jüdischen Proletariats aber gehört in immer steigendem Maße zu jenem Typus, der am schwersten zu assimilieren ist. „Der soziale Aufstieg der Arbeiterschaft, ihre Durchdringung mit nationalen Kulturgütern, das Erstarken ihres Selbstbewußtseins erschweren die Assimilation." Man kann aber mit gutem Gewissen behaupten, daß an kultureller Aktivität und Klassenbewußtsein keine Arbeiterschaft im Osten Europas die Höhe der jüdischen erreicht. Wenn Bauer sagt, der jüdische Arbeiter habe zwar die wirtschaftliche Stellung, aber nicht den kulturellen Typus, die Psychologie der Juden der alten naturalwirtschaftlichen Zeit verloren, so stimmt das nur teilweise, nämlich für die ältere, im Absterben begriffene Generation. Bei der jüngeren eilt sozusagen die psychologische Proletarisierung der wirtschaftlichen weit voraus. Bauers Beobachtung stimmt heute noch für Galizien eher als für Rußland. Aber auch in Galizien ist die jüdische Arbeiterschaft die kulturell strebsamste. Die polnische Schriftstellerin Daszynska-Golinska hat vor einigen Jahren in Krakau eine Enquete unter den jugendlichen Arbeitern veranstaltet. Trotz ihrer ausgesprochenen Abneigung gegen die Selbständigkeitsbestrebungen des jüdischen Proletariates mußte sie gestehen, daß sowohl die organisatorischen als auch die kulturellen Verhältnisse der jüdischen Arbeiterjugend die der anderen weit hinter sich lassen. Aber die wirkliche Tatsache ist, daß jüdische Arbeiter nur in wenigen Fällen mit nichtjüdischen zusammenarbeiten. Bauer weiß das. Er weiß, daß der heutige jüdische Arbeiter noch vorwiegend kein Fabriksarbeiter ist, daß das jüdische Proletariat vorläufig in wenigen, zum Teile rückständigen Produktionszweigen konzentriert ist, und erteilt den jüdischen Arbeitern den Rat, sich zu assimilieren, um von den christlichen Arbeitern in der Fabrik geduldet zu werden. Das ist aber zunächst eine wesentliche Verschiebung des zeitlichen und ursächlichen Zusammenhanges. Wie ist denn der Vorgang sonst? Die Arbeiter arbeiten zusammen, verkehren miteinander, mit der Zeit sprechen sie dieselbe Sprache. Hier soll der Vorgang der umgekehrte sein: Assimilation — Verkehr — Zusammenarbeit. Anstatt einer Untersuchung der Wirkungen gegebener Tatsachen bietet Bauer ein Rezept. Und was für eines! Bauer gibt zu, daß die sprachliche Assimilation da nicht genügt, daß hier das Aufgeben des ganzen Wesens, also vor allem ein Verschwinden der Rassenunterschiede notwendig wäre. Man vergleiche dazu, was er über die hartnäckige Erhaltung der Rasse bei den Westjuden sagt, und man wird eine Vorstellung bekommen, wie lange dieser Anpassungsprozeß beim ostjüdischen Proletariat dauern müßte. Die wirtschaftliche Entwicklung kann aber nicht solange v/arten. Alljährlich wächst die Masse proletarisierter Juden, die Arbeit und Brot brauchen und sich nicht damit trösten können, daß ihre Enkel oder Urenkel vielleicht einst durch die Assimilation geläutert die Pforten der Fabrik werden betreten dürfen. Das wachsende jüdische Proletariat muß eben heute, wie es ist, mit seiner jüdischen Sprache und den sonstigen nationalen Eigentümlichkeiten Erwerb suchen. Was für den Einzelnen im besonderen Falle gangbarer Weg sein mag, ist für die Masse keine Lösung ihrer Existenzfrage. Die Eroberung neuer wirtschaftlicher Positionen muß das jüdische Proletariat auf einem einfacheren und wirksameren Wege anstreben. Dieser Prozeß findet seinen Ausdruck zum Teil in der jüdischen Auswanderung, die neue jüdische

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