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Der Jude · 1916-11-01 · Heft 8 (November 1916) · p. 524

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 8 (November 1916)
Article
Die allgemeinen Gesetze der Assimilation und die Ostjuden
Date
1916-11-01
Page
524 (sequence 21)
Language
German
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5^4 Berl Locker: Osteuropa sich auf einer Übergangsstufe befindet. Die unteren Massen des jüdischen Volkes sind schon aus dem kulturellen Schlafe erwacht, aber ihre Eingliederung in die anderen Nationen ist noch nicht möglich, da die Völker Osteuropas noch nicht in genügendem Maße in den Kreis der Geldwirtschaft und der Warenproduktion einbezogen sind. Aber so gewiß der Sieg des Kapitalismus, so gewiß ist es auch, daß sich die Juden des Ostens assimilieren werden. Man sieht, auch hier berücksichtigt Bauer keineswegs die Klassenspaltungen im Ostjudentum, er kennt nur Juden schlechthin. Und wenn er schon verschiedene Schichten nennt, so nur in einem Zusammenhange, der die Nichtberücksichtigung der Klassenunterschiede in ein noch schärferes Licht setzt. Ein Satz ist da sehr charakteristisch, in dem vom ,,jüdischen Industriellen, Kaufmann, Advokat, Arzt, Handwerker, Arbeiter" in einem Atem ausgesagt wird, sie träten in immer engeren Verkehr mit der Masse ihrer Berufskollegen und Kunden. In Wirklichkeit spielen sich die Dinge wesentlich anders ab. Gehen wir von der natürlichen Siedlung, dem Orte, der Stadt aus, so kann man gar nicht sagen, die überwiegende Mehrzahl der Juden wohne als kleine Minderheit inmitten fremder Völker. Wir wissen, daß die Zahl der Orte sehr groß ist, in denen die Juden absolute oder relative Mehrheiten, oder bedeutende Minderheiten bilden. Und wenn auch, wie wir gesehen haben, im Laufe der Zeit Mehrheiten zu Minderheiten werden können, so haben wir andererseits gesehen, daß gleichzeitig der Schwerpunkt des jüdischen Lebens sich aus den kleinen Städtchen in die großen, volkreichen Städte überträgt, die sowohl ihrer Zahl, als ihrer sozialen Zusammensetzung nach der Assimilation weit größeren Widerstand entgegensetzen können. Die Zerstreuungstendenz ist, wie wir sahen, bei weitem nicht der beherrschende Faktor des ostjüdischen Lebens. Von dieser Seite ist also die Lockerung der Bande, die dieses Volk zusammenhalten, nicht vorauszusehen. Und was die Verstärkung des Verkehrs zwischen Juden und Nichtjuden betrifft, so gilt es auch hier in erster Linie, die Dinge strenge auseinanderzuhalten. Solange die große Mehrzahl der Juden aus Händlern, Handwerkern, Geldverleihern bestand, die alle von der christlichen Kundschaft der nächsten Umgebung lebten, mußte jeder Jude in seinem täglichen Wirtschaftsleben mit dieser Kundschaft verkehren. Heute wächst die Zahl der Juden, die es gar nicht nötig haben, mit der christlichen Umgebung tagaus, tagein in Berührung zu kommen. Ein Magazinunternehmer beschäftigt Hunderte von proletarischen Handwerkern, deren Erzeugnisse er in eine andere Gegend exportiert. Alle diese Handwerker verkehren jetzt mit Nichtjuden viel weniger, als ihre selbständigen Vorgänger in der früheren Periode. Der alte selbständige Handwerksmeister ist eben nicht nur Erzeuger, sondern auch Verkäufer. Verkaufen aber heißt auf dieser Stufe persönlich verhandeln, sprechen, mit dem Kunden in unmittelbare Berührung kommen. Darin liegt ja der Sinn des Gesetzes, daß der Kleinbürger sich der Kundschaft assimiliert. Aber diese Schichte verliert immer mehr ihre ausschlaggebende Bedeutung im jüdischen Leben. Der kapitalshörige Handwerker folgt, wie wir wissen, dem Assimilationsgesetz des Proletariats. Das Proletariat aber bildet einen im raschen Wachsen begriffenen Teil des jüdischen Volkes im Osten. Wie verhält sich nun das jüdische Proletariat zur Assimilation? Nun, auch hier kann von einer wirklich engen Verkehrsgemeinschaft mit den nicht jüdischen Arbeitern nicht die Rede sein. Arbeiteten die jüdischen Arbeiter wirklich massenhaft mit nicht jüdischen Berufsgenossen zusammen, so könnte eine weitgehende Assimilation vielleicht in Frage kommen.

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