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Der Jude · 1916-11-01 · Heft 8 (November 1916) · p. 523

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 8 (November 1916)
Article
Die allgemeinen Gesetze der Assimilation und die Ostjuden
Date
1916-11-01
Page
523 (sequence 20)
Language
German
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Die allgemeinen Gesetze der Assimilation und die Ostjuden 523 Bauer freilich hält die Sache für nicht so kompliziert. Er begnügt sich mit der bekannten Analogie, die die Assimilationsvorgänge des Westjudentums ohne weiteres auf das Ostjudentum überträgt. In seinem angeführten Aufsatz heißt es: „Aus ganz demselben Grunde (wie die Deutschen in Polen) wurden die Juden, die im Mittelalter als einzige oder vorzügliche Träger der Geldwirtschaft innerhalb naturalwirtschaftlich lebender Volksmassen sich ihr Volkstum wahrten, in ganz West- und Mitteleuropa assimiliert, sobald auch die „Christen Juden geworden" waren, das heißt gleichfalls Geldwirtschaft zu treiben begannen. Die osteuropäischen Juden, die heute noch mitten unter einer überwiegend für den Eigenbedarf erzeugenden Bauernschaft leben, scheinen heute noch nicht assimilierbar zu sein. Aber auch sie werden assimiliert werden. In dem Maße, wie auch in Osteuropa Warenproduktion an die Stelle der Erzeugung für den Eigenbedarf, Geldwirtschaft an die Stelle der Naturalwirtschaft treten. Das Schicksal des Deutschtums in Polen zeigt auch den polnischen Juden ihre Zukunft." Man sieht, Bauer läßt hier die soziale Differenzierung des Ostjudentums ganz außer acht. Er kann sich von der irrigen Vorstellung, als bilde dasselbe eine einförmige undifferenzierte Vermittlerschichte, nicht befreien. Infolgedessen glaubt er sich von der Anwendung der Klassengesetze einfach enthoben. In seinem fünf Jahre früher erschienenen Buche über die Nationalitätenfrage versucht er allerdings den Klassenerscheinungen im Ostjudentum gerecht zu werden, aber er tut dies in so ungenügender und schiefer Weise, daß man sich des Eindrucks kaum erwehren kann, das sei alles bloß dekoratives Beiwerk. Bauer kennt das Ostjudentum und seinen nationalen Wiederbelebungsprozeß, das jüdische Proletariat und seinen Klassenkampf nur vom Hörensagen, aus Zeitungen und sonstigen nicht sehr tiefgehenden Quellen, das Westjudentum dagegen ist ihm einzige, konkret geschaute jüdische Wirklichkeit. Er kann nun nicht anders, als diese Wirklichkeit auf das Ostjudentum von morgen übertragen. Nachdem Bauer, wie wir oben gesehen haben, das Erwachen der jüdischen Massen so schön geschildert hat, vergleicht er die Bedingungen der nationalen Entwicklung der Juden mit denen der Tschechen. Sein Gedankengang ist in kurzem etwa folgender: Der Sitz der tschechischen Wiederbelebung waren die geschlossenen Siedlungsgebiete des tschechischen Volkes. Die Massen des tschechischen Volkes standen hier nur mit ihresgleichen im Verkehr, nicht mit fremden Nationen. Hier brachte der Kapitalismus keine Veränderung der Verkehrsgemeinschaft. Die Ostjuden dagegen haben kein geschlossenes Siedlungsgebiet. Zwar wohnen sie in manchen Städten in größeren Massen, aber die überwiegende Mehrheit der Ostjuden wohnt doch als kleine Minderheit inmitten fremder Völker, und es besteht zweifellos die Tendenz, auch die noch geschlossenen Massen der Juden im Osten weiter zu zersprengen. Die Juden kommen in immer engeren Verkehr mit der übrigen Bevölkerung, sie müssen deren Sprache sprechen, sich ihren Bedürfnissen anpassen, ihren Kindern dieselbe Erziehung geben, dieselben Bildungselemente aufnehmen, dieselben Lebensgewohnheiten annehmen. Die enge Verkehrsgemeinschaft wird notwendig zur Kulturgemeinschaft, Das Territorium ist also nicht ganz allgemein Vorbedingung für die Erhaltung einer Nation. Die Geschichte der Juden in Europa widerlegt ja diese Ansicht. Aber das Territorium ist nur so lange entbehrlich, als die Gemeinschaft der Wohnsitze nicht auch Verkehrsgemeinschaft bedeutet. Das war bei den Juden so lange der Fall, als sie Träger einer anderen Wirtschaftsverfassung waren. Mit dem Durchdringen der kapitalistischen Wirtschaftsverfassung ist die nationale Erhaltung ohne ein geschlossenes Siedlungsgebiet nicht möglich. Die gegenwärtige Neubelebung der jüdischen Kultur ist daraus zu erklären, daß

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