Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 8 (November 1916)
- Article
- Die allgemeinen Gesetze der Assimilation und die Ostjuden
- Date
- 1916-11-01
- Page
- 522 (sequence 19)
- Language
- German
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522 Berl Locker: des Zusammenwohnens der Juden in bestimmten Stadtvierteln, wie wir es in allen größeren Städten bemerken.*) Von Sprachinseln im engeren Sinne des Wortes kann da gewiß nicht gesprochen werden. Aber man wird zugeben müssen, daß —wenn nur die sonstigen Bedingungen günstig sind — die Konzentriertheit und Kompaktheit jüdischer Siedlungsweise eine genügend feste Grundlage für die nationale Erhaltung bildet. Von besonderer Bedeutung sind die Hemmungen, welche in den im vierten Gesetz aufgezählten Faktoren liegen. Keine der Nationen, in deren Gebiet die ostjüdischen Städte und Städtchen liegen, spricht eine dem Jiddischen verwandte Sprache. Das religiöse Leben mag welche Zukunft immer haben, so ist für absehbare Zeit der religiöse Gegensatz ein geradezu unüberwindliches Hindernis einer wirklichen Verschmelzung der jüdischen und nicht jüdischen Bevölkerung. Auch die Verschiedenheit der Rasse wirkt der Assimilation entgegen. Sie wirkt, wie wir wissen, auch bei den Westjuden noch lange nach der sprachlichen Assimilation nach, bei den Ostjuden ist sie zweifellos mit ein Faktor, der auch der sprachlichen Assimilation entgegenwirkt. Wir kommen darauf später noch zurück. Die in dem sechsten und siebenten Assimilationsgesetz zur Geltung kommenden Faktoren sind nur als Kräfte zweiten Grades von Bedeutung. Sind einmal alle anderen Faktoren der Assimilation ungünstig, dann kann wohl die große Volkszahl, der Reichtum, die Macht und Kultur einer Nation (siebentes Gesetz) nicht genügen, um die Assimilation herbeizuführen. Sind die anderen Bedingungen günstig, dann wird die Assimilation beim Vorhandensein diese Faktoren beschleunigt, sonst wird sie langsamer, aber ebenso sicher vor sich gehen. Im übrigen sind die Nationen, um die es sich bei der Assimilation der Ostjuden handelt, in diesen Belangen so verschieden voneinander, daß eine einheitliche Beantwortung der Frage wohl nicht möglich ist. Von größerer Bedeutung ist es schon (wenngleich wir es auch hier nur mit einem Faktor zweiten Ranges zu tun haben), daß im Zeitalter des Erwachens auch der kleinsten, kulturärmsten Natiönchen die in national und sprachlich in bedeutendem Grade gemischten, von nationalen Kämpfen durchtobten Gebieten wohnenden Ostjuden auch bei sonst gleichen Bedingungen der Assimilation einen größeren Widerstand entgegensetzen müßten, als dies bei den in national-einheitlichen Gebieten wohnenden Westjuden im Zeitalter der Assimilation und des Kosmopolitismus der Fall sein konnte. Nun zum fünften Gesetz der Assimilation. Wir haben gesehen, daß verschiedene Klassen auf die Anziehung der Mehrheit verschieden reagieren, daß Assimilation in erster Linie Angleichung an Klassengenossen ist. Wir müssen also jetzt untersuchen, wie sich diese Vorgänge in unserem konkreten Falle abspielen, ob da die verschiedene Schichten im ost jüdischen Volke beherrschenden Tendenzen auf gemeinsamer Linie wirken, oder ob und inwiefern sie in ihren Wirkungen auseinandergehen. Und dann müßten wir uns fragen, ob irgendeine Schichte im Volksleben eine so überwiegende Bedeutung hat, daß ihr Schicksal zum allgemeinen zu werden Aussicht hätte, ferner wie sich in absehbarer Zeit das Kräfteverhältnis'voraussichtlich gestalten dürfte. *) In Lemberg beispielsweise wohnten im Jahre 1900 die Juden hauptsächlich in drei von fünf Stadtteilen. Während sie 27,68% der Gesamtbevölkerung ausmachten, bildeten sie im Krakauer Viertel fast 40%, im Ringplatzviertel 38%, im Zolkiewer über 56. Manche Gassenkomplexe haben nur so viel christliche Einwohner, als Hausbesorger (samt ihren Familien) da sind. In London wohnen 85% aller eingewanderten Juden in einem Stadtviertel. Ähnlich in New-York, Warschau und anderen großen Städten.