Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 8 (November 1916)
- Article
- Die allgemeinen Gesetze der Assimilation und die Ostjuden
- Date
- 1916-11-01
- Page
- 521 (sequence 18)
- Language
- German
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Die allgemeinen Gesetze der Assimilation und die Ostjuden 521 Zehntausende beschäftigen können, vielleicht wird der Drang zum Boden in weitreichendem Maße befriedigt werden können, vielleicht — der Möglichkeiten gibt es viele, die Zerstreuung ist die unwahrscheinlichste. Wir mußten weit ausholen und manches vorausschicken, worauf wir bei der Anwendung der weiteren Gesetze auf unser Problem noch werden zurückzukommen haben. Die Erscheinungen sind eben so verflochten und gegenseitig bedingt, daß das Sondern und Auseinanderhalten nicht immer durchführbar ist. Schwieriger ist die Beantwortung der Frage nach der Assimilationswahrscheinlichkeit der Ostjuden, wenn wir das zweite Gesetz zum Maßstab nehmen. Heute bilden die jüdischen Siedlungen überall in den Städten und Städtchen absolute oder relative Majoritäten oder ansehnliche Minderheiten. Nun werden durch die Abwanderung aus dem flachen Lande zwar die Einwanderungszentren gestärkt, gleichzeitig tritt aber auch eine Schwächung der Widerstandskraft der Siedlung im Auswanderungsorte ein. Andererseits tritt mit der absoluten Verstärkung der jüdischen Bevölkerung im Einwanderungsorte nicht immer auch eine relative Verstärkung ein. Denn die Binnenwanderung vom Lande in die Stadt ist keine auf die Juden beschränkte Erscheinung. In Galizien, wo, wie gesagt, die jüdische Konzentrationsbewegung infolge der wirtschaftlichen Verhältnisse noch nicht stark ist, tritt dies besonders krass in Erscheinung. Trotz der unzweifelhaften Urbanisierungstendenz sinkt seit Jahrzehnten der Prozentsatz der jüdischen Bevölkerung in fast allenOrtskategorien,da die nichtjüdische Bevölkerung schwächer ins Ausland emigriert und stärker noch als die Juden in die Städte zieht. Aber auch anderwärts ist eine ähnliche Erscheinung für eine nicht sehr ferne Zukunft zu erwarten, da die jüdischen Menschenreserven, die den Großstädten zufließen können, jedenfalls rascher ausgeschöpft sein werden, als die in Bewegung geratenen agrarischen Massen. Ein Fallen des relativen Anteils der jüdischen an der Gesamtbevölkerung bedeutet aber eine Erleichterung der Assimilation. Was nun zunächst die Schicksale der in den kleinen Siedlungen Zurückgebliebenen anbetrifft, so wirken gerade bei ihnen noch lange die Assimilationsstörungen nach, die bis zum Einbruch des Kapitalismus bestanden. Die umgebende Landbevölkerung geht nicht auf einmal zur neuen Wirtschaftsweise über, der kulturelle Abstand ist der alte. In nicht allzu ferner Zeit freilich müßten diese Hemmungen aufhören. Insofern nicht andere Momente die Assimilation hintanhalten, steht dann gewiß so manche Zwergsiedlung vor der Schicksalsfrage. Aber abgesehen davon, daß eben andere Hemmungen vorhanden sind — der Verkehr mit der in der Nähe liegenden Großstadt, der religiöse und Rassenunterschied usw. —, wird dann der Schwerpunkt des jüdischen Lebens lange nicht mehr im kleinen Städtchen liegen, das eventuelle Aufgehen dieser oder jener Zwerggruppe in der Umgebung bliebe auf das Volksganze ohne Einfluß. Anders steht die Frage in den großen Zuziehungspunkten. Schon oben (im II. Abschnitt) wurde darauf verwiesen, daß — theoretisch wenigstens — schon die sehr hohe absolute Zahl eine Minderheit vor der Assimilation schützen kann. Die immer größere Massenhaftigkeit in den großen Städten verleiht da der jüdischen Bevölkerung eine immer wachsende Festigkeit und Widerstandsfähigkeit. Zudem kann ja der Prozentsatz der jüdischen Bevölkerung (die doch auch nach dem Aufhören des Zuzuges durch die natürliche Vermehrung wächst) nie bis zur Machtlosigkeit herabsinken. Und noch etwas: Teilweise bleibt ja die Änderung des Größenverhältnisses zwischen jüdischer und nicht jüdischer Bevölkerung nur Schein, infolge