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Der Jude · 1916-11-01 · Heft 8 (November 1916) · p. 520

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 8 (November 1916)
Article
Die allgemeinen Gesetze der Assimilation und die Ostjuden
Date
1916-11-01
Page
520 (sequence 17)
Language
German
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520 Berl Locker: Verwaltung aus dem flachen Lande hinausgedrängte Händler- und Handwerkerbevölkerung in den größeren Städten noch keine breiten Erwerbsmöglichkeiten, der Übergang zu produktiveren, vom lokalen Markte weniger abhängigen Berufen findet hier vorläufig keinen breiten Spielraum. So spielt sich die wirtschaftliche Umwälzung im Leben der jüdischen Massen Galiziens noch immer hauptsächlich in der Form überseeischer Auswanderung ab, die Binnenwanderung und Konzentrierung in den größeren und größten Städten ist noch nicht sehr stark. Aber deutlich zeigt schon die Tendenz dieser Konzentration, daß die jüdischen Massen auch in Galizien keineswegs in der Zerstreuung ihr Heil suchen wollen. Damit soll nicht gesagt sein, daß die Tendenz der Selbstzerstreuung im Leben der Ostjuden bereits jede Bedeutung verloren hat. Aber je stärker ein Teil dieses Volkes vom kapitalistischen Umwandlungsprozeß ergriffen ist, desto schwächer wirkt diese Tendenz, je mehr die produktiven Elemente überwiegen, desto sicherer der Sieg der Konzentrationstendenz. Von den drei Hauptzentren jüdischer Massensiedlung steht Nordamerika an der Spitze dieser Entwicklung. In New-York wird die Selbstzerstreuungstendenz fast nur noch als psychologisches Erbe vergangener Zeiten und Wirtschaftslagen wirksam sein. In Rußland und noch mehr in Galizien ist sie noch immer Ausdruck von Interessen gewisser Schichten. Die jüdische Bourgeoisie, die noch zum sehr großen Teile von der Ausbeutung der nicht jüdischen Arbeitskräfte lebt und die Verschärfung des Klassenkampfes durch den nationalen Gegensatz zu fühlen hat, der Teil des Kleinbürgertums, der noch für den lokalen Markt arbeitet, die von fremder Klientel lebende jüdische Intelligenz — sie haben den Gedanken der Zerstreuung noch nicht aufgegeben. Aber die kapitalistische Entwicklung führt nicht zur Verstärkung, sondern zur Verringerung dieser Elemente. Ein immer größerer Teil des Kleinbürgertums wird proletarisiert, die immer wachsende Zahl jüdischer Lohnarbeiter (die nur in jüdischen Unternehmungen Beschäftigung findet) gibt dem jüdischen Kapital eine immer wachsende Möglichkeit ,,nationaler" Exploitation, mit dem Wachsen der jüdischen Siedlungen kann sich eine große Anzahl von Vermittlerexistenzen in immer höherem Maße von der nichtjüdischen Klientel emanzipieren, mit dem nationalen Erwachen der unteren Schichten gewinnt auch die Intelligenz, die durch den nationalen Konkurrenzkampf stark bedrängt wird, ein wachsendes Feld geistig-wirtschaftlicher Betätigung in der jüdischen Gasse. Um Mißverständnissen vorzubeugen, sei hier noch einmal bemerkt, daß wir keineswegs wähnen, die kommende Entwicklung in allen Einzelheiten voraussagen zu können. Freilich weiß man nicht, was Gleichberechtigung und Freizügigkeit den russischen Juden bringen werden, man kann nicht voraussagen, welche wesentlichen Änderungen der gegenwärtige Krieg im Leben des Ostjudentums hervorbringen wird. Noch sind auch die neuen Siedlungen in Nordamerika und anderen Ländern zum großen Teile auch für uns Fragezeichen. Aber soviel sind wir auf Grund der bisherigen Ausführungen zu behaupten gewiß berechtigt: So wie Kautsky und Bauer und andere Zerstreuungstheoretiker die Zukunft des Ostjudentums deuten, wird sie gewiß nicht aussehen. Zerstreuung ist nicht mehr das waltende Prinzip ostjüdischen Lebens, auch in den rückständigsten Teilen unseres Volkes verliert diese Tendenz immer mehr an Bedeutung. Und wenn, um beim Ausgangspunkte zu bleiben, die russischen Juden Gleichberechtigung und Freizügigkeit erlangen, werden sich eben die wirklich richtunggebenden Kräfte des ostjüdischen Daseins voller und ungehemmter entfalten können. Vielleicht werden im aufstrebenden Lande neue jüdische Industrien entstehen, die

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