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Der Jude · 1916-11-01 · Heft 8 (November 1916) · p. 517

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 8 (November 1916)
Article
Die allgemeinen Gesetze der Assimilation und die Ostjuden
Date
1916-11-01
Page
517 (sequence 14)
Language
German
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Die allgemeinen Gesetze der Assimilation und die Ostjuden 5*7 Lebens betrachten, heißt die Wirkungen verkennen, die der Kapitalismus im Ostjudentum gezeitigt hat. Vor nicht allzu langer Zeit war allerdings die Selbstzerstreuung ein bestimmender Faktor des ostjüdischen Lebens. In der vorkapitalistischen Wirtschaftsepoche, als der Jude noch fast ausschließlich als Händler und Handwerker die Funktionen des Geld- und Tauschverkehrs in der fremden Gesellschaft ausfüllte, da mußte zwischen der Anzahl der Juden eines bestimmten engbegrenzten Verkehrsgebietes (einer Stadt samt ihrer Umgebung etwa) und der der Nichtjuden eine feste nicht zu überschreitende Proportion bestehen, die durch die Kaufkraft des engern lokalen Marktes bestimmt war. Wurde diese Zahl überschritten, so mußte der Überschuß in eine andere Gegend abwandern, um dort dieselben Funktionen zu übernehmen. So ist das große Netz der jüdischen Kleingemeinden und ländlichen Siedlungen (mit sozial-städtischem Charakter) entstanden, das wir heute noch im ganzen Osten Europas vor uns sehen — allerdings in einem Zustande außerordentlicher Gärung. Denn auch hier hat der Kapitalismus Einzug gehalten und seine zersetzende Gewalt hat auch vor der ostjüdischen Volksmasse nicht Halt gemacht. Von allen Seiten sieht das Volk seine wirtschaftlichen Positionen bedroht. Hier verdrängt billige Fabriksarbeit das Erzeugnis des Handwerkers, dort entzieht die Konkurrenz des neu entstehenden nicht jüdischen Gewerbes und Handels dem Juden die Kundschaft, bäuerliche Kredit-, Konsum- und Einkaufsgenossenschaften machen viele jüdische Vermittlerhände entbehrlich. Diese ganze Vermittlerrolle erscheint mit einem Male für große Schichten als eine unsichere Existenzgrundlage. Was früher bei Gleichgewichtsstörungen einziges Auskunftsmittel war, nämlich das Abwandern des Überschusses in eine andere Gegend zur Übernahme der gleichen sozialen Funktionen, das konnte jetzt infolge der Massenhaftigkeit der Entwurzelung und des gleichzeitigen Auftretens des Prozesses in breitem Umkreise keine Rettung bringen. Es wäre doch auch wirklich merkwürdig, wenn der Kapitalismus, seiner inneren Natur zum Trotz, gerade an diesem Volke vorbeigegangen wäre, ohne eine wesentliche Wandlung seiner Struktur herbeizuführen. Das Volk erfaßte die Situation mit klarem Instinkt und suchte neue wirtschaftliche Betätigung. Das Ostjudentum ist in einem großen, historischen Umwandlungsprozeß begriffen, der aber schon in seinem Wesen klar zu erkennen ist: es ist ein wirtschaftlicher und sozialer Umschichtungsprozeß, der das Ostjudentum auf neuen Grundlagen umbaut. Noch ist dieser Prozeß lange nicht abgeschlossen. Aber heute schon haben wir ein wesentlich anderes Volk vor uns, als vor etwa 100—120 Jahren. Es ist ein stark differenzierter Volksorganismus, der in Groß- und Kleinhandel, Groß- und Mittelindustrie und Gewerbe, Handels- und Gewerbeproletariat und Intelligenz zerfällt. Je weiter dieser Prozeß sich entwickelt, desto mehr gewinnen die produktiven, arbeitenden Elemente das Übergewicht über die vermittelnden. Auch um neue Arbeitszweige ringt das Volk. Das schönste Zeugnis dieses Ringens ist die Rückkehr zur Landwirtschaft, die heute in Rußland trotz ihrer wahren Märtyrergeschichte bei 200000 Seelen ernährt, in der Farmerbewegung Amerikas, der Kolonisation Palästinas und Argentiniens verheißungsvolle Anfänge gezeitigt hat. Die große Masse allerdings macht den Produktivierungsprozeß in den alten und neuen städtischen Berufen durch. Und hier ist dieser Prozeß begleitet von einer bedeutungsvollen Konzentration immer größerer Massen in den großen und mittleren Städten, die die jüdische Bevölkerung zu einer außerordentlichen Kompaktheit zusammenschweißt.

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