Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 8 (November 1916)
- Article
- Die allgemeinen Gesetze der Assimilation und die Ostjuden
- Date
- 1916-11-01
- Page
- 516 (sequence 13)
- Language
- German
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Herl Locker: Schon daß er in den Satz, die Berufe, auf die sich die Masse der Ostjuden konzentriert, vertrügen eine Zusammendrängung derselben nicht, die einschränkende Wendung „zum großen Teil" aufnimmt, läßt vermuten, daß er hinter gewissen Erscheinungen des ostjüdischen Lebens auch noch andere Tendenzen wittert, die aber in seinen Zukunftsdeutungen keine Berücksichtigung finden. Eine andere Stelle seiner Schrift beweist das noch klarer. Bei der Behandlung der jüdischen Auswanderung schreibt er: „Namentlich stark ist die Auswanderung aus den überfüllten Berufen. Nach dem Zensus von 1897 zählte man im Ansiedlungsrayon unter den Schneidern 147435 erwerbstätige Juden, von 1899 bis 1910 wanderten im Durchschnitt jährlich 15396 dieser Branche in die Vereinigten Staaten also 10,5 Prozent. Dagegen von den 71856 jüdischen Schustern nur i960, nur 2,7 Prozent. Die Schneiderei ist noch vorwiegend Hausindustrie für den lokalen Bedarf, in der Schuhmacherei entwickelt sich rasch die Fabriksindustrie, die in ganz Rußland ihren Markt findet". (a.a.O. S.73.) Da nun die gegenwärtige überseeische Wanderung zweifellos dieselbe Wurzel hat, wie die angebliche „Zerstreuungstendenz," nämlich die Notwendigkeit des Aufsuchens neuer Erwerbsmöglichkeiten, so müßten doch angesichts der so ungleichen Beteiligung der verschiedenen Schichten an der Emigration auch eingeschworene Zerstreuungstheoretiker zugeben, daß gar nicht unbedeutende jüdische Schichten von der Zerstreuungstendenz ganz oder fast ganz frei sind, daß wir es hier höchstens mit einer von mehreren Tendenzen und keineswegs der Tendenz des ost jüdischen Lebens zu tun haben. Und erst dann müßte man sich fragen, welche Tendenz die Aussicht hat, in der Zukunft das Übergewicht zu erlangen, ob nicht vielleicht auch die jüdische Schneiderei sich mit der Zeit durch Eroberung des innerrussischen Marktes von dem lokalen Markte befreien könnte, womit die Haupttriebfeder der Auswanderung und — Zerstreuung sehr viel an Kraft verlöre.*) Aber auch aus den Tatsachen der Auswanderung selbst kann man eine Fülle von lehrreichen Anhaltspunkten gewinnen. Und gerade für das Problem der „Zerstreuung". Haben sich die jüdischen Auswanderer etwa über Amerika oder andere Länder zerstreut? Im Gegenteil! Sie haben Riesensiedlungen von nicht minderer Dichte und ungeahnter Massenhaftigkeit geschaffen. Der Emigration verdankt die jüdische Nation neben London, Philadelphia, Chicago die größte jüdische Gemeinde der Geschichte, die in stetem rapidem Wachsen begriffene 1 ^-Millionenstadt New- York. Und das jüdische New-York ist vornehmlich eine Schneiderstadt! Man hat Rußland schon oft das Amerika der Zukunft genannt. Könnten nicht am Ende die russischen Juden nach Erlangung der Freizügigkeit aus ihrem „Zerstreuungsbedürfnis" heraus die Welt mit einem neuen New-York überraschen? Man mißverstehe mich nicht. Nicht um Prophezeihungen handelt es sich hier, sondern nur um den Nachweis, daß diese mit solcher Unentwegtheit vorgetragene Voraussage einer Zerstreuung der russischen Juden nach Erlangung der Freizügigkeit schon demjenigen als zumindest sehr gewagt erscheinen muß, der auch nur rein äußerlich die Vorgänge der letzten Jahrzehnte betrachtet, ohne sie auf ihren tieferen wirtschaftlich-sozialen und historischen Inhalt zu prüfen. In Wirklichkeit ist die Zerstreuungstheorie ein Produkt von Verhältnissen, die das Ostjudentum in hohem (wenngleich nicht für alle Teile gleichen) Maße bereits überwunden hat. Diese Tendenz für die ausschlaggebende des gegenwärtigen ostjüdischen *) Das war übrigens schon im Jahre 1897 teilweise der Fall. Siehe Margolin, Die Lage der jüdischen arbeitenden Klassen in Rußland im Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik Band XXVI. (1908).