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Der Jude · 1916-11-01 · Heft 8 (November 1916) · p. 518

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 8 (November 1916)
Article
Die allgemeinen Gesetze der Assimilation und die Ostjuden
Date
1916-11-01
Page
518 (sequence 15)
Language
German
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Berl Locker: Denn Handel, Industrie und Gewerbe haben sich in hohem Grade vom lokalen Markt emanzipiert. So hat in Rußland die Eroberung des innerrussischen Marktes einen bedeutenden Teil der jüdischen Produktion von der lokalen Nachfrage unabhängig gemacht. Bestimmte Produktionszweige finden jetzt ihre Niederlassung nicht am Orte größten Konsums, sondern am Orte günstiger Produktions- oder Exportbedingungen. Die Kapazität eines bestimmten Ortes für jüdische Bevölkerung ist nicht mehr wie früher ausschließlich abhängig von Bedürfnis und Kaufkraft der Ortsbevölkerung. Der allgemeine Zug vom Lande in die Stadt wird so für das Ostjudentum zu einem Faktor einer Verstärkung seiner nationalen Widerstandskraft, seiner politischen Konsolidierung und kulturellen Entwicklung. Je größer die Zahl der jüdischen Bevölkerung, desto größer auch ihre Bedeutung als Konsument, desto größer die Zahl der Händler, Handwerker, Lehrer, Journalisten, Ärzte, Anwälte usw., die von ihr leben können. Für Rußland ist diese Konzentrationsbewegung zweifellos festgestellt. Sie fällt einfach in die Augen. Trotz der großen Auswanderung wachsen die großen jüdischen Zentren überraschend schnell. Daß auch die Auswanderung nicht zur Zerstreuung führt, haben wir gesehen. Und die Auswanderung ist ja nur eine Form der wirtschaftlich-sozialen Umschichtung des Ostjudentums durch den Kapitalismus. Und zwar die radikalere. Sowohl in Hinsicht auf den Prozentanteil der produktiven Elemente, als auch in Bezug auf technische Vervollkommnung und Proletarisierung und — die Emanzipierung vom lokalen Markte. In Rußland bildeten die arbeitenden Elemente im Jahre 1897 ungefähr die Hälfte aller Berufstätigen. In Osteuropa überwiegt das Handwerk und die Hausindustrie, in New-York und den anderen Einwanderungszentren die auf fortgeschrittener Stufe der Arbeitsteilung stehende Manufaktur und Fabriksindustrie. Hier einige Ziffern: Im Jahre 1905 wurden in der New-Yorker Männerbekleidungsindustrie 4509 Betriebe mit 137190 Arbeitern gezählt, in der Frauenbekleidungsindustrie 3350 Betriebe mit 115705 Arbeitern. In diesen Industrien sind 53°/o a^er jüdischen männlichen, 76°/0 aller weiblichen Arbeitskräfte beschäftigt.*) Die Schwitzbuden, schreibt derselbe Verfasser, verschwinden allmählich. Das jüdsche New-York hat die vorläufig höchste Stufe der Unabhängigkeit vom lokalen Konsum erreicht. Auch der jüdische Händler, Vermittler usw. lebt dort fast ausschließlich von Juden. Und das ist ein Resultat der ,,Zerstreuung" des Ostjudentums! Man ist nur zu leicht geneigt, den zweifellos bestehenden Konzentrationsdrang der russischen Judenheit einzig und allein auf den äußerlichen Faktor der Wohnrechtsbeschränkungen zurückzuführen. „Hebet den Ansiedlungsrayon auf und die russischen Juden werden nach allen Seiten im weiten Zarenlande zerstieben!" Daß die Konzentrationstendenz sehr tiefgehende innere Ursachen hat, haben wir gezeigt. Die Tatsachen der Auswanderung sind noch lebendigere Zeugen dieser inneren Gesetzmäßigkeit. Wir wollen aber noch auf eine weitere Tatsache hinweisen, auf die Entwicklungstendenz der Siedlungsverhältnisse der Juden in Galizien. Daß die wirtschaftliche Lage der Juden in Galizien keine gute ist, ist ja allgemein bekannt. Die Entwurzelung des jüdischen Kleinbürgertums hat aus den von uns *) Karl Vornberg: Die Feinde der Einwanderung, Neue Zeit. XXV./2. (1906/7). S. 501.

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