Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 8 (November 1916)
- Article
- Die allgemeinen Gesetze der Assimilation und die Ostjuden
- Date
- 1916-11-01
- Page
- 515 (sequence 12)
- Language
- German
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Die allgemeinen Gesetze der Assimilation und die Ostjuden 515 menten zusammensetzen. Wobei unter der Bezeichnung „assimilierbar" nicht bloße Fähigkeit oder Neigung, sondern geradezu historisches Verurteiltsein zur Assimilation zu verstehen ist. III. "Wie steht es nun im Lichte dieser Gesetze um die Assimilierbarkeit der Ostjuden? Welcher der erwähnten Arten von Minoritäten sollen wir sie zuzählen? Daß das erste Gesetz, das Gesetz der absoluten Zahl einer Assimilation der Ostjuden sehr ungünstig ist, liegt doch auf der Hand. Acht Millionen oder mehr Ostjuden wohnen auf einem zusammenhängenden Gebiete, das Westrußland samt Polen und Litauen, Galizien, die Bukowina, Rumänien, allenfalls auch einen Teil Ungarns umfaßt. Wer, der auch nur zum erstenmal dieser Frage nähertritt, ahnt nicht schon angesichts dieser einen Zahl, daß wir es hier denn doch mit einer ganz anderen sozialen Erscheinung zu tun haben, als einer Art multiplizierter westjüdischer Ver gangenheit, daß hier vielleicht ein Fall vorliegt, in dem die Zahl allein schon Qualität ist? Und diese Millionen nicht schön gleichmäßig über den ganzen Länderkomplex in kleinen Grüppchen verteilt, sondern vornehmlich in städtischen Siedlungen in dichten Massen konzentriert, wo sie oft relative und absolute Majoritäten, allenfalls beträchtliche Minoritäten bilden. Vor ungefähr hundert Jahren hatte Amsterdam, damals die größte Judengemeinde der Welt, ungefähr 20000 Juden, das heutige Ostjudentum besitzt neben der Millionengemeinde New-York Städte wie Warschau mit 350000 Juden, Odessa mit ca. 150000, Lodz mit 150000 usw. Schon im Jahre 1897 gab es in Rußland 48 Städte mit einer jüdischen Bevölkerung von mehr als 10000 Seelen, 77 Städte mit je 5000—10000. Ich unterlasse es, weitere Belege für die Massenhaftigkeit der ostjüdischen Siedlungen zu bringen, da diese Tatsache längst bekannt ist. Auch Kautsky und Bauer weisen auf sie als eine der Ursachen der bisherigen Unassimilierbarkeit der Ostjuden hin. „Die antisemitischen Tendenzen von oben und unten wurden noch begünstigt dadurch, daß in Rußland mehr als anderswo die Juden durch ihr massenhaftes Zusammenwohnen jeder Assimilation entgangen waren/' (Kautsky, Rasse und Judentum. S. 72.) Kautsky gibt sogar indirekt zu, daß die Assimilation der Ostjuden unwahrscheinlich ist, solange es bei den jetzigen Siedlungsverhältnissen bleibt. Seine Prophezeiung der kommenden Assimilation begründet er wie folgt: „Sie [die jüdische Nation] vermöchte sich nur zu erhalten durch engstes Zusammenwohnen der Juden. Die Berufe, auf die sich die Masse der Juden Rußlands konzentriert, vertragen aber zum großen Teil eine derartige Zusammendrängung nicht. Sie können nur gedeihen, wenn sie gemischt sind mit größeren Massen anderer Berufe, in denen die nichtjüdische Bevölkerung überwiegt. Gerade die erzwungene Zusammendrängung auf einen kleinen Raum, die heute den Schein einer jüdischen Nationalität schafft, schafft auch das jüdische Elend. Mit diesem werden auch die Bedingungen der jüdischen Nationalität schwinden. Das Judentum muß nach dem Siege der Revolution die Freizügigkeit in Rußland dazu benutzen, um sich über den ganzen Staat zu verbreiten." Kautsky verhehlt sich also nicht, daß die Assimilation der Ostjuden eine radikale Änderung ihrer Siedlungsverhältnisse zur unumgänglichen Voraussetzung hat. Er glaubt, daß diese Änderung mit der Gleichberechtigung und Freizügigkeit der russischen Juden kommen muß. Wie so viele vor ihm sagt er mit aller Bestimmtheit ihre Zerstreuung über das ganze weite Reich voraus. Derselben Meinung ist Bauer (Nationalitätenfrage und Sozialdemokratie S. 373^-) Allerdings verrät Kautsky schon im soeben gebrachten Zitat eine große Unsicherheit. 36*