Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 8 (November 1916)
- Article
- Die allgemeinen Gesetze der Assimilation und die Ostjuden
- Date
- 1916-11-01
- Page
- 514 (sequence 11)
- Language
- German
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SM Berl Locker: heiten geringfügig, und sie nehmen leicht fremde Nationalität an. Darum konnten in der Zeit der Reformation, der großen englischen und der großen französischen Revolution ganze Volksstämme assimiliert werden." „Die Zeit des Liberalismus, deren Ideale Freihandel, Frieden, Weltbürgertum waren, war der Assimilation günstig. In unserer Zeit des Imperialismus, der Schutzzölle, Kriegsrüstungen, Kolonialkriege das Gepräge aufdrücken, wehrt sich der kleinste Volkssplitter gegen die Assimilation. Wir können also als sechstes Assimilationsgesetz feststellen: Wirtschaftliche, soziale, politische, religiöse Kämpfe erleichtern, nationale Kämpfe erschweren die Assimilation". Natürlich verfügt auch nicht jede Nation über die gleiche assimilierende Kraft. Wir können ohne weitere Erörterungen das siebente Gesetz der Assimilation feststellen: Je größer eine Nation an Volkszahl, Reichtum, Macht und Kultur, desto größer ist ihre Anziehungskraft auf die fremden Minderheiten in ihrem Gebiete, desto größer die Widerstandskraft ihrer Minderheiten in fremden Gebieten. Wenn auch die sonstigen Umstände der Assimilation günstig sind, kann sie trotzdem gehemmt werden, wenn die Minderheit beständigen Zuzug aus der Heimat empfängt. Einerseits werden durch die neu Hinzugekommenen die durch die Assimilation entstandenen Lücken ausgefüllt, andererseits wird auch die Widerstandskraft der bereits ansässigen Angehörigen der Minderheit durch den Verkehr mit den von der Assimilation noch ganz unberührten Ankömmlingen verstärkt. Je schwächer der Zuzug, desto schwächer diese seine Wirkungen. Hört er ganz auf, so vollzieht sich die Assimilation ungestört, wenn nur die sonstigen Bedingungen gegeben sind. Genau die entgegengesetzten Wirkungen werden sich ergeben, wenn die Mehrheit durch Zuzug verstärkt wird. Das achte und letzte Gesetz der Assimilation lautet also: Die Assimilation vollzieht sich desto leichter, je schwächeren und je weniger stetigen Zuzug die Minderheit, je stärkeren und je stetigeren Zuzug die Mehr^ heit empfängt. Wir erwähnten schon, daß diese Rolle des Zufluß-Reservoirs die Bedeutung der Nationsmehrheit (und der verschiedenen Nationteile überhaupt) für die Erhaltung der Minderheiten keineswegs erschöpft. Wir kennen nun die wichtigsten Umstände, die für die Assimilation von Minderheiten von Einfluß sind. Führen wir alle auf das gemeinsame Prinzip zurück, so ergibt sich uns als oberstes Gesetz der Assimilation: Alle Umstände, die den Verkehr zwischen der Minderheit und der Mehrheit verdichten, fördern die Assimilation; Umstände, die den Verkehr zwischen ihnen verhindern, erschweren die Assimilation. Es ist natürlich klar, daß nirgends bei einer gegebenen Minderheit sich ein einziges Gesetz der Assimilation rein auswirken kann, immer werden es mannigfache Umstände sein, die das Leben und die Entwicklung bestimmen, die verschiedenen Gesetze der Assimilation verbinden sich oder durchkreuzen einander in ihren Wirkungen. Das endliche Schicksal der Minderheit wird davon abhängen, ob der Assimilation günstige oder ihr feindliche Umstände überwiegen. Im ersten Falle ist die Assimilation letzten Endes unvermeidlich, im letzten unmöglich. Danach kann man die Minoritäten einteilen in i. assimilierbare, 2. nicht assimilierbare und 3. solche, die sich aus assimilierbaren und nicht assimilierbaren Ele-