Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 8 (November 1916)
- Article
- Die allgemeinen Gesetze der Assimilation und die Ostjuden
- Date
- 1916-11-01
- Page
- 511 (sequence 8)
- Language
- German
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Die allgemeinen Gesetze der Assimilation und die Ostjuden 5" Bei den Westjuden allerdings kommt wahrscheinlich der Religion eine größere Bedeutung zu. Aber auch zur Verhinderung sprachlicher Assimilation kann der konfessionelle Gegensatz viel beitragen. Die katholischen Polen widerstehen eben dank ihrem Katholizismus leichter der assimilierenden Kraft der orthodoxen Russen, der protestantischen Deutschen und der unierten Ruthenen. Auch der Gegensatz der Kulturstufen und Kulturkreise spielt hier eine sehr große Rolle. Wenn die Belgier im Kongo sich nicht der großen Mehrheit der Neger assimilieren, so ist das neben dem Rassengegensatz und anderen Momenten auch dem Umstände zuzuschreiben, daß die Neger sich noch auf einer sehr niedrigen Kulturstufe befinden. Der Europäer assimiliert sich nur sehr schwer der chinesischen oder mohammedanischen Kulturwelt. Diese vier Gesetze der Assimilation gelten für alle Minderheiten ohne Unterschied der sozialen Gliederung. Bevor wir jedoch zu den weiteren von Bauer formulierten Gesetzen übergehen, sei eine für die späteren Erörterungen wesentlich scheinende Einschaltung gestattet. Wir behandelten bis nun mit Bauer die Minderheit als isolierte Gruppe im Ortsverbande und untersuchten ausschließlich die der isolierten, auf sich selbst gestellten Minderheit innewohnenden, die Assimilation fördernden oder hemmenden Momente. Wir sahen von den Einflüssen ab, die vom Kern der Nation in ihren Stammsitzen auf die „in der Fremde" befindlichen Minderheiten ausgehen, und beachteten auch die gegenseitige Beeinflussung nations- und sprachgleicher Minderheiten nicht. In neunundneunzig von hundert Fällen haben wir es aber hier mit realen Kräften zu tun, die in der Frage der Erhaltung oder des Verschwindens einer Minderheit von gar nicht untergeordneter Bedeutung ist. Wir sehen hier vorläufig ab vom rein ideologischen und Bewußtseinsfaktor der auch den versprengtesten Teilen einer Nation einen desto stärkeren Erhaltungsanreiz verleiht, je größer die eigene Nation an Macht und Kultur ist. Hier beschränken wir uns auf reine Verkehrs Wirkungen. Ohne weiteres ist da das folgende Gesetz einleuchtend: Je stärker der Verkehr der Minderheit mit der eigenen Nationsmehrheit beziehungsweise mit anderen gleichsprachigen Minderheiten, desto größer ihre Widerstandskraft gegen die Assimilation. Die Bedeutung der Nationsmehrheit für die Erhaltung der Minderheit kommt natürlich auch Bauer zum Bewußtsein. In der vorliegenden Arbeit aber würdigt er bloß ihre Bedeutung als Zuflußreservoir. Darüber später. Für die Assimilierbarkeit einer bestimmten Minderheit ist aber auch ihre soziale Gliederung einerseits, die soziale Gliederung der auf sie einwirkenden Mehrheit andererseits von sehr wesentlicher Bedeutung. Verschiedene Klassen reagieren verschieden auf die Anziehung der Mehrheit und wie sie im konkreten Falle reagieren, hängt auch davon ab, von welcher Mehrheitsklasse die Anziehung ausgeht. In diesem doppelten Sinne hat jede Klasse ihr eigenes Gesetz der Assimilation. Bauer untersucht also auf Grund historischer Erfahrungen zunächst die Assimilationsvorgänge bei herrschenden Klassen und gelangt zu dem folgenden, der Grundherrenklasse und Bourgeoisie gemeinsamen Assimilationsgesetz: Herrenklassen assimilieren sich der herrschenden Nation, wo sie in regen Verkehr mit ihrer Herrenklasse treten und an der Ausübung ihrer Staatsgewalt Anteil genießen; sie assimilieren sich der unterworfenen Nation nur dann, wenn sie innerhalb dieser Nation ihnen.