Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 8 (November 1916)
- Article
- Die allgemeinen Gesetze der Assimilation und die Ostjuden
- Date
- 1916-11-01
- Page
- 512 (sequence 9)
- Language
- German
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Berl Locker: sozial ähnliche Herrenklassen finden, und sie führen dann durch ihre Assimilation an diese Nation wesentliche Veränderungen in ihrer Sprache und Kultur herbei; wenn und solange aber die unterworfene Nation keine eigene Herrenklasse besitzt, sondern nur aus Bauern, Kleinbürgern und Arbeitern besteht, findet die Assimilation der in ihrem Gebiete wohnenden fremden Herrenklasse überhaupt nicht statt. Vielmehr assimilieren sich in diesem Falle die aus der Mehrheit in die Herrenklasse aufsteigenden Personen, so lange sie nicht zahlreich sind, an die fremde Minderheit (die eben für sie — in ihrer neuen Klassenstellung — die Mehrheit, nämlich die Mehrheit der Klassengenossen ist). Dieses Gesetz gilt, wie erwähnt, für die Klasse der Grundherren und die Bourgeoisie. Wir verzichten darauf, die Fülle historischer Belege für das Walten dieses Gesetzes bei der Assimilation von Grundherrenklassen zu zitieren. Dagegen seien die für uns besonders lehrreichen Beispiele, die sich auf die Bourgeoisie beziehen, hergesetzt: Die flämische Bourgeoisie hat französische Sprache, französische Sitten angenommen. Die deutsche Bourgeoisie in Ungarn gebärdet sich als kernmagyarisch. Die jüdische Bourgeoisie assimiliert sich den herrschenden Nationen: in Böhmen und Mähren den Deutschen, nicht den Tschechen, in Galizien den Polen, nicht den Ruthenen, in Ungarn den Magyaren, nicht den Slowaken, in Livland den Russen, nicht den Letten. Ein weiteres Gesetz lautet: Volksstämme, die die Träger der Geldwirtschaft innerhalb einer naturalwirtschaftlich lebenden Volksmasse sind, bewahren sich ihr Volkstum; sie werden in dem Maße assimiliert, wie auch die Volksmasse, in deren Mitte sie leben, zur Geldwirtschaft übergeht. Die deutschen Bürger Polens, die bis zum 14. Jahrhundert dort die Träger der Geldwirtschaft waren, assimilierten sich, als auch ein polnischer Bürgerstand emporwuchs; die Juden Westeuropas wurden assimiliert, als auch die „Christen Juden wurden," daß heißt zur Geld Wirtschaft übergingen. Besonders kompliziert sind die Assimilationsvorgänge beim Proletariat. Da proletarische Minderheiten vorwiegend durch Einwanderung von Arbeitern in Industriegebieten entstehen, so ist bei Bauer die Untersuchung zugespitzt auf die Art, wie die verschiedensten Typen eingewanderter Arbeiter auf die Anziehung der seßhaften Mehrheit reagieren. Er unterscheidet zunächst nach Ausgangspunkt und Ursache die agrarisch-hauswirtschaftliche von der industriell-kapitalistischen Auswanderung. Erstere ist die Auswanderung von Bauernsöhnen und Landarbeitern aus einem Agrarlande, das ihnen keine Beschäftigungs- und Ernährungsmöglichkeit mehr bietet. „Für den Wanderer bedeutet diese Auswanderung seine Überführung aus der geschlossenen Hauswirtschaft in die Weltwirtschaft, aus der Produktion von Gütern für den Eigenbedarf in die Produktion von Waren für den Weltmarkt, aus der vorkapitalistischen in die kapitalistische Wirtschaft, die Verwandlung des Bauernsohns in einen Lohnarbeiter." Die industriell-kapitalistische Wanderung dagegen verpflanzt Industriearbeiter aus einem Industriegebiet in ein anderes. „Die Wanderung ist hier eine Erscheinung innerhalb der kapitalistischen Welt. Das Abströmen von Proletariermassen aus den Gebieten mit stärkerem in die Gebiete mit schwächerem sozialen Druck." Innerhalb dieser beiden Hauptgruppen unterscheidet dann Bauer nach Wirtschafts¬ und Kulturniveau je drei Stufen, die für die Assimilierbarkeit von ausschlaggebender Bedeutung sind.