Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 8 (November 1916)
- Article
- Die allgemeinen Gesetze der Assimilation und die Ostjuden
- Date
- 1916-11-01
- Page
- 509 (sequence 6)
- Language
- German
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Die allgemeinen Gesetze der Assimilation und die Ostjuden 509 Minderheit hört die Laute der Mehrheitssprache öfter, als das Mitglied der Mehrheit die der Minderheitssprache. Aber nicht bei allen Minderheiten wird diese Neigung gleich groß sein. Weil auch die Notwendigkeit nicht für alle die gleiche ist. Vor allem kommt es hier auf die Zahl an. Am stärksten sind Notwendigkeit und Neigung, wenn die „Minderheit" aus einem einzigen Menschen besteht* Ein einziger Pole in einem italienischen Orte etwa. Wenn — was bei diesem „reinen Falle" doch angenommen werden muß — das Hilfsmittel einer dritten Sprache nicht in Betracht kommt, dann muß der Fremde sehr rasch wenigstens soviel Italienisch erlernen, daß er sich überhaupt über die notwendigsten Dinge mit anderen Menschen verständigen kann. Je länger er dort bleibt, desto unumgänglicher ist für ihn diese Notwendigkeit, und wird er dort überhaupt ansässig, dann wird er in einigen Jahren schon sehr geläufig italienisch sprechen. Die eigene Sprache dagegen wird ihm immer ungeläufiger werden, nach sehr langer Zeit kann er sie auch fast ganz vergessen haben. Heiratet er nun eine italienische Frau, und es entstammen der Ehe Kinder, dann wachsen diese von ihrer Geburt an in der italienischen Umgebung auf. Sie sprechen bloß Italienisch. Im zweiten Geschlecht ist die Assimilation endgültig vollzogen. Anders schon steht es mit der Notwendigkeit und Neigung zur Assimilation bei einer vielköpfigen Minderheit. Hier ist wenigstens teilweise die Möglichkeit der Verständigung und Mitteilung im eigenen sprachlichen Kreise gegeben. Je größer dieser Kreis, desto größer unter sonst gleichen Bedingungen die Zahl der Bedürfnisse, die man ohne die Unbehaglichkeit des Gebrauches einer erst zu erlernenden Sprache erfüllen kann, desto kleiner auch das Gefühl des Andersseins, und das Streben es nicht zu sein bei den einzelnen Mitgliedern, desto größer auch die Möglichkeit, die Funktion des Verkehrs mit der Mehrheit auf einzelne Mitglieder des Kreises zu übertragen. Auf jeden Fall wird neben der neuen Sprache eine Zeitlang auch die alte einen gewissen Platz einnehmen. Auch die zweite Generation mag vielleicht noch neben der Sprache der Mehrheit auch die „eigene" Sprache kennen. Die Assimilation geht langsamer und schwieriger vor sich, Ist endlich die Minderheit sehr groß an Zahl, dann treten die zur Assimilation treibenden Momente stark in den Hintergrund. „Der tschechische Bergarbeiter im Duxer Kohlenrevier findet in der neuen Heimat Tausende von Tschechen. Im Schacht, im Wohnhaus, im Gasthaus, in der Organisation, auf dem Warenmarkt, selbst auf der Straße kann er sich seiner Muttersprache bedienen. Er mag die deutsche Sprache erlernen; aber in der Regel hört und spricht er doch Tschechisch. Auch seine Kinder sprechen im Elternhause Tschechisch, auch sie finden, selbst in der deutschen Schule, tschechische gespielen. Hier ist die nationale Assimilation gehemmt." So gelangt Bauer zum ersten Gesetz der Assimilation: Je größer die Minderheit, desto geringer die Anziehungskraft der Mehrheit; je kleiner die Minderheit, desto gewisser die Assimilation. Wo dieses Gesetz rein waltet, also sonst keine zur Assimilation treibenden Kräfte vorhanden sind, kann danach eine Minderheit schon durch ihre Zahl einen Grad der Unassimilierbarkeit erreichen, der ihr in dieser Beziehung sozusagen den Minderheitscharakter nimmt, sie quasi zu einer Mehrheit macht. Freilich läßt sich diese Zahl weder logisch noch empirisch feststellen, da das Gesetz der Zahl sich nie rein und von anderen Faktoren völlig unbeeinflußt auswirken kann. Aber für unsere späteren Ausführungen ist es von Wichtigkeit festzustellen, daß dieser Fall theoretisch wenigstens möglich ist.