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Der Jude · 1916-11-01 · Heft 8 (November 1916) · p. 508

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 8 (November 1916)
Article
Die allgemeinen Gesetze der Assimilation und die Ostjuden
Date
1916-11-01
Page
508 (sequence 5)
Language
German
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Berl Locker: IL Gegenstand unserer Erörterung ist zunächst (vorwiegend an der Hand von Bauers genannter Arbeit und in kritischer Ergänzung ihrer) die Assimilation nicht als Programm oder Losung, sondern als gesellschaftlicher Prozeß, als Resultat geschichtlicher Entwicklung. Dabei beschränken wir uns auf die Besprechung der sprachlichen Assimilation. Denn diese ist ausschlaggebend für die Frage der Schicksalsgleichheit von Ost- und Westjudentum. Die vollständige, „ideale" Assimilation, der Zustand also, in dem sich das assimilierte Individuum oder die assimilierte Gruppe in nichts mehr von der assimilierenden Gemeinschaft unterscheidet, in dem nichts mehr deren ursprüngliche Nichtzugehörigkeit zu dieser Gruppe verraten kann (gleichgültig übrigens, ob die assimilierende Gemeinschaft ihrerseits unter dem Einflüsse des neu hineinwachsenden Elementes irgend eine körperliche oder geistige Veränderung durchgemacht hat), dieser Zustand ist auch für den größten Teil der Westjuden noch nicht eingetreten. Mögen dies nun wirkliche Rassenmomente sein oder nur „die auf die Spitze getriebene Eigenart des Städters" (Kautsky), Tatsache ist, daß man auch beispielsweise in Holland und Italien, wo die Assimilation der Juden gewiß sehr weit gediehen ist, in sehr vielen Fällen den Juden schon an dem äußeren Aussehen von den anderen unterscheiden kann. „So machen auch noch den assimilierten Juden seine Gesichtszüge als Juden kenntlich" (Bauer). Für die praktische Gestaltung der nationalen und politischen Verhältnisse Osteuropas ist diese Frage übrigens ziemlich belanglos. Haben hier einmal die Juden gleich ihren westlichen Brüdern die Sprachen der Umgebung als Mutter- und Umgangssprache angenommen, dann existiert auch für Osteuropa eine jüdische nationale Frage nicht mehr, wiewohl bei den Juden selbst dieser Zustand des Nicht-mehr-Nation-Seins die unbehaglichsten Gefühle und vielleicht auch mannigfache Gegenbewegungen auslösen könnte. Die Judenfrage Polens, Litauens, der Ukraina, Ost-Österreichs wäre dann wirklich „im europäischen Sinne gelöst". Wir verstehen also hier unter Assimilation an eine bestimmte Nation eine sehr weitgehende sprachliche Angleichung, die sich im ausschließlichen oder doch vorwiegenden Gebrauche der Sprache dieser Nation nicht nur in Fällen der Notwendigkeit oder Bequemlichkeit, sondern in allen Äußerungen des täglichen Lebens und Verkehrs kundgibt. Zweifellos besteht nun bei nationalen Minderheiten immer und überall die Tendenz der sprachlichen Angleichung an die Mehrheit. Das Bedürfnis sich mitzuteilen und zu verständigen tritt sofort auf, wenn Menschen miteinander in Berührung kommen. Die sprachliche Verschiedenheit aber vereitelt oder erschwert zumindest bedeutend dieses Sich-Verständigen. Es muß also dieses Verkehrshindernis irgendwie beseitigt werden. Das einfachste Mittel dazu ist, daß der eine Teil die Sprache des anderen wenigstens in einem Maße erlernt, daß dem dringendsten Bedürfnisse abgeholfen ist. Das Aneignen einer fremden Sprache ist aber mit einem gewissen Aufwände von Energie verbunden. Welcher Teil wird sich zu diesem Energie-Aufwande am leichtesten entschließen? Bei sonst gleichen Bedingungen leidet die Minderheit durch die Behinderung des Verkehrs mehr als die Mehrheit. Das zur Minderheit gehörige Individuum wird unter gleichen Umständen täglich mit mehr Menschen in Berührung kommen, mit denen es sich nicht verständigen kann, als das Mitglied der Mehrheit. Die Neigung, sich die fremde Sprache anzueignen, ist bei ihm daher auch stärker. Und diese Neigung wird unterstützt durch die größere Möglichkeit. Das Mitglied der

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