Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 8 (November 1916)
- Article
- Die allgemeinen Gesetze der Assimilation und die Ostjuden
- Date
- 1916-11-01
- Page
- 507 (sequence 4)
- Language
- German
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Die allgemeinen Gesetze der Assimilation und die Ostjuden 507 pationsbewegung im Ostjudentum, die trotz allen historischen Verschiedenheiten (waren doch die Juden im Grunde nie eine geschichts- und kulturlose Nation!) in allen Belangen dem nationalen Erwachen der geschichtslosen Nationen analog ist. Hier wie dort ist es der Kapitalismus, der die breiten Massen des Volkes zu historischem Leben und Kampf erweckt, hier und dort dieselben Kräfte, die das Entstehen des „literarischen Marktes", der Literatur und Presse, der kulturellen, gewerkschaftlichen und politischen Arbeiterbewegung, die Nationalisierung der Intelligenz herbeiführen. Klassisch wie seine Schilderung des Erwachens der geschichtslosen Nationen überhaupt ist auch der Abschnitt, worin das der jüdischen Nation geschildert wird. Bauer schreibt die Hauptrolle in der nationalen Bewegung des Ostjudentums dem sozialen Erwachen der unteren Klassen, dem Erwachen ihres Selbstbewußtseins zu. Der jüdische Arbeiter fühle sich nicht mehr minderwertig dem reichen und gebildeten Polen oder dem reichen Juden gegenüber, der die polnische Kultur in sich aufgenommen hat. Mit dem Regewerden des Bewußtseins seiner persönlichen Würde rege sich auch der Stolz auf seine Eigenart, er schäme sich nicht mehr seiner Sprache und seiner eigenartigen Sitten. Die Revolutionierung der jüdischen Massen hat Europa seit dem Anfang der russischen Revolution mit Staunen beobachten können. Der schüchterne Jude des Ghetto wurde zum unerschrockenen Kämpfer der Revolution. Diese Masse aber lebt nicht mehr faul im Kreise der Tradition, sie beginnt sich eine neue Kultur zu schaffen. Es entstehen jüdische Organisationen, in Versammlungen werden den Massen in jiddischer Sprache neue Kulturwerte übermittelt, es entsteht eine jiddische Presse, eine jiddische Übersetzungs- und Originalliteratur. Der revolutionäre Geist ergreift bald auch die Intelligenz, die ihre Kräfte in den Dienst der neuen Bewegung stellt. Sie lacht den nicht assimilierten Juden nicht mehr aus, sondern sieht in ihm den ausgebeuteten Proletarier und revolutionären Kämpfer. Sie erlernt wieder seine bereits vergessene Sprache, wendet sie in Wort und Schrift an, sie schafft den Massen ihre Literatur. So ungefähr schildert Bauer das Erwachen des jüdischen Proletariates, dem ein Teil der Intelligenz und andere Schichten folgen. So sieht er die Auferstehung des ostjüdischen Volkes. Und trotz alledem gelangt auch er zum Schluß: Nützt nichts! Euer Schicksal ist besiegelt: Assimilation, Auflösung! Man merke also: Kautsky und Bauer geben zwei Grundprämissen zu. Erstens, daß die nationale Bewegung der Ostjuden dem Prozesse des Erwachens geschichtsloser Nationen überhaupt wesentlich kongruent ist; zweitens, daß die Lebenstatsachen des Ostjudentums in sehr vielen und äußerst wichtigen — ja gerade den grundlegenden —Belangen von denen des Westjudentums verschieden sind. Sollte da nicht für die Deutung ostjüdischer Zukunft der entscheidende Fingerzeig gegeben sein? Mit nichten! Das sei ja nur eine allerdings erklärliche Verirrung der Historie. Letzten Endes müsse auch das Ostjudentum diese der Entwicklungslinie der anderen erwachten Nationen parallele Bahn verlassen, um durch glückliche Landung im Hafen der Assimilation sich von den Leiden und die Welt von sich selbst zu befreien. Wenn wir nun daran gehen wollen, Kautskys und Bauers Ansichten auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu untersuchen, sind wir in der glücklichen Lage, in einer kurzen aber trefflichen Arbeit Bauers*) gutes Rüstzeug zu finden. ■■*) Bauer, Die Bedingungen der nationalen Assimilation, im Wiener „Kampf* 1912, Heft 6.