Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 8 (November 1916)
- Article
- Die allgemeinen Gesetze der Assimilation und die Ostjuden
- Date
- 1916-11-01
- Page
- 506 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3101111-3101112-8875887-3109184--0713-3109227- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
5°6 Berl Locker: Kautsky dagegen verneint sie ganz allgemein. Auch den Ostjuden spricht er schon jetzt die Nationsqualität ab, obwohl er zugibt, daß sie sich als Nation fühlen. Aber für die Stellung beider zur Zukunft des Ostjudentums ist diese Streitfrage ohne Belang, Kautskys Kasten-Theorie unterscheidet sich im wesentlichen von Bauers Standpunkt in keiner Weise. Kautsky schreibt: :J „Es (das Judentum) wurde, als Vertreter der aus der Römer zeit überkommenen Geldwsrtschaft inmitten der barbarischen Naturalwirtschaft der Germanen, auch ein besonderer Beruf. Will man die Rolle kennzeichnen, die das Judentum im Mittelalter spielte und heute noch in Osteuropa spielt, so geschieht dies weit besser als durch die Bezeichnung Nation durch die Bezeichnung Kaste. Nicht unter den Nationen des modernen Europa, mit denen wir es hier zu tun haben, sondern unter den Kasten Indiens finden wir Erscheinungen, die dem Judentum entsprechen, wie es sich nach der Zerstörung Jerusalems und dem Aufkommen des Christentums gestaltet hat. Die Versuche, das Judentum als Nation aufrecht zu erhalten, sind tatsächlich nur Versuche, seine Existenz als besondere Kaste fortzuführen. Solches Streben wäre unerklärlich in einem modernen Staate. Es kann nur gedeihen unter der infamen Wirtschaft der moskowitischen Bureaukratie oder des rumänischen Bojarentums." (Kautsky, Nationalität u. Internationalität S. 7.) -f In seiner neuen Schrift: Rasse und Judentum'* (Erg.Hefte zurNeuenZeit Nr.20, 3914) freilich hält Kautsky zwar an der Bezeichnung des Judentums als Kaste städtischer Kaufleute, Geldhändler, Intellektueller, mitunter auch Handwerker" fest, betont aber nicht mehr ausdrücklich, daß er auch die Ostjuden unter diese Bezeichnung einbezieht. Offenbar stutzt Kautsky angesichts gewisser Tatsachen des ostjüdischen Lebens, und trotz der vielfach schiefen Vorstellungen über ostjüdische Zustände weiß er von der starken sozialen Differenzierung im Ostjudentum, er sucht sogar nach Erklärungen für diese wichtige Tatsache. Er erzählt selbst von der Massenhaftigkeit der jüdischen Bevölkerung im Osten, die er durch Ziffern illustriert und der allein er den Widerstand gegen die Assimilation zuzuschreiben scheint. (S. 72.) Er weiß von der jiddischen Sprache (die er natürlich nie mit dem Epitheton „ein verdorbenes Deutsch" verschont), weiß von den jüdischem Wanderungen und deren wesentlicher Verschiedenheit von den Wanderungen früherer Jahrhunderte, kennt den tiefen Gegensatz zwischen kapitalistischem und proletarischem Judentum, ja er hat auch Kunde von dem Kampfe der Ostjuden um ihre menschliche und nationale Befreiung. Kautsky weiß, daß „der Emanzipationskampf der Juden dort (in Rußland) zurzeit zu einer stärkeren Hervorhebung ihrer Eigenart führt". „Wie bei anderen Völkern, die unter einer Herrenklasse standen, durch sie von der modernen Kultur abgeschlossen wurden, haben auch die Juden Rußlands, sobald sie ein Streben nach Unabhängigkeit entwickelten, auch eine Literatur in ihrer bisher literaturlosen Sprache geschaffen. Eine jiddische Literatur ist entstanden, ein jiddisches Theater, eine jiddische Presse . . ." Weiter: „Die Produkte und Mittel eines regen nationalen Lebens der russischen Juden werden noch wachsen und sich kräftigen, solange der Kampf um die jüdische Freiheit vorwärts geht." (S. 92.) Und gelangt doch zum Schlüsse, der Prozeß der Assimilation und der Auslöschung des Judentums werde auch im Osten nicht ausbleiben. „Das, was man die jüdische Nation nennt, kann nur siegen, um unterzugehen." Genau so Otto Bauer. In seinem Buche „Nationalitätenfrage und Sozialdemokratie" (Wien 1907) widmet Bauer der ostjüdischen Frage ein eigenes Kapitel. Schärfer und klarer noch als Kautsky begreift Bauer den sozialen Gehalt der nationalen Emanzi-