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Der Jude · 1916-11-01 · Heft 8 (November 1916) · p. 505

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 8 (November 1916)
Article
Die allgemeinen Gesetze der Assimilation und die Ostjuden
Date
1916-11-01
Page
505 (sequence 2)
Language
German
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Die allgemeinen Gesetze der Assimilation und die Ostjuden man sich berufen, ein angeblich feststehendes Urteil der Geschichte mit eigenen Händen zu vollstrecken und hat damit sogar eine sehr verdächtige Eile. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß die Leute der Geschichte mißtrauen und sie sozusagen überrumpeln und vor eine fertige Tatsache stellen möchten. Was man allen anderen —- auch an Zahl kleineren und in sich weniger gefestigten — Minoritäten ohne weiteres gewähren will, das versagt man den Juden. Die Juden sollen keine Autonomie, keine nationale Selbstverwaltung erhalten, sollen bei der rechtlichen Konstituierung der Nationen unter sie aufgeteilt werden — im Namen der höheren geschichtlichen Gerechtigkeit. Um eine Begründung dieser Ausnahmsbehandlung ist man nicht verlegen. Wozu hat man denn das berühmte „westeuropäische Muster", wenn nicht dazu, um unter dem Deckmantel der Demokratie und des Fortschritts auf Kosten eines unglücklichen Volkes nationale Ausbeutung zu betreiben. Also lautet die Theorie: Die Emanzipation der Juden in Westeuropa hat zur Assimilation geführt und die Juden zur bloßen Religionsgemeinschaft gemacht. Dieselbe Wirkung wird auch die Emanzipation der Ostjuden haben. Es gilt also das unumstößliche eherne Gesetz: Der Emanzipation und Gleichbrechtigung folgt die Assimilation mit geschichtlicher Notwendigkeit. Diese falsche Analogie ist in der jüdischen Publizistik, vornehmlich in den Schriften und Aufsätzen Dr. Nathan Birnbaums und der in diesen Fragen mit ihm auf demselben Boden stehenden Vertreter des jüdischen Sozialismus vor dem Kriege und während seiner wiederholt kritischer Beleuchtung unterzogen worden. Es scheint mir jedoch lohnend, hier im besonderen auf die Versuche wirtschaftlich-soziologischer Begründung dieses Analogieschlusses einzugehen, die in den letzten Jahren von zwei führenden Theoretikern des deutschen Sozialismus unternommen wurden: von Karl Kautsky und Otto Bauer. Was diese beiden Männer bisher in der Ostjudenfrage gewiß in ehrlicher Überzeugung geäußert haben, ist zweifellos ein Schulbeispiel dafür, wie mächtig das starre Analogie-Dogma sich in den Geistern eingenistet hat, wie hartnäckig die Außenwelt an dem Vorurteil gegen die große Lebenstatsache des ostjüdischen Volkes haftet. Denn die Sache wird natürlich nicht dadurch besser, daß der alte Gedanke hier in neuem Gewände erscheint, daß die Theorie hier so etwa lautet: Die Erhaltung der Juden als Nation kann nur so lange dauern, als sie Träger der Geldwirtschaft innerhalb einer auf naturwirtschaftlicher Stufe befindlichen Gesellschaft sind. Sobald diese Gesellschaft selbst zur Geldwirtschaft übergeht, hört der wichtigste Grund jüdischer Sonderexistenz auf, die Assimilation setzt mit unwiderstehlicher Kraft ein und macht sehr rasche Fortschritte. Die Juden Osteuropas sind heute noch die Träger der Geldwirtschaft innerhalb einer naturwirtschaftlich lebenden Bevölkerung. Daher und insoweit eben bilden sie noch eine Nation. Je mehr aber der Kapitalismus in das Wirtschaftsleben dieser Gebiete eindringt, desto mehr verschwindet die Grundlage der nationalen Erhaltung des Ostjudentums — die Assimilation wird auch hier allem Judenschmerze ein Ende bereiten. Dieser besonders von Bauer genau formulierte Gedanke ist nichts anderes als die Übertragung des mehrfach erwähnten Analogieschlusses ins Ökonomische. Dieselbe Ansicht teilt Kautsky, obwohl er in einer Grundfrage mit Bauer nicht übereinstimmt, in der Frage nämlich, ob die Juden gegenwärtig eine Nation bilden. Bauer bejaht diese Frage für die Juden im allgemeinen und insbesondere natürlich für dieOstjuden.

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