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Der Jude · 1916-11-01 · Heft 8 (November 1916) · p. 504

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 8 (November 1916)
Article
Die allgemeinen Gesetze der Assimilation und die Ostjuden
Date
1916-11-01
Page
504 (sequence 1)
Language
German
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S©4 Berl Locker: DIE ALLGEMEINEN GESETZE DER ASSIMILATION UND DIE OSTJUDEN i. Es gibt heute noch manche sehr ernste Denker und Politiker, die es für das unabwendbare Schicksal der nationalen Minderheiten überhaupt ansehen, in der Mehrheit ihres Gebietes aufzugehen, deren Sprache und Kultur aufzunehmen, sich zu assimilieren/ Aus diesem Grunde sei jede nationale Konzession an eine Minderheit — sie gehöre welcher Nation auch immer — sei es auf dem Gebiete des Schulwesens, oder der Verwaltung, als ein verderblicher Eingriff in einen mit historischer Notwendigkeit vor sich gehenden Geschichtsprozeß zu betrachten. Die Stellung derart Denkender zum ostjüdischen Problem ist damit klar gegeben. Ein Volk, das aus lauter Minderheiten besteht, ist nach dieser Ansicht vor nationalem Untergange durch kein noch so scharfsinniges Mittel zu retten. Die Gewährung nationaler Rechte an das Ostjudentum wäre somit eine künstliche Hemmung und Verzögerung des am Ende doch nicht aufzuhaltenden schmerzlichen Prozesses der Assimilation. Die meisten Leute freilich wagen es heute nicht mehr, den nationalen Minoritäten so bedingungs- und unterschiedslos das Todesurteil auszusprechen. Sie wissen, daß erst gewisse Bedingungen eintreten müssen, bevor eine Minorität ihren natürlichen Widerstand gegen die Anziehungskraft der Mehrheit endgültig aufgibt, daß diese Bedingungen für verschiedene Minoritäten verschieden sind, daß sie für dieselbe Minorität unter gewissen Voraussetzungen wechseln können. Diese Einsicht hat dazu geführt, die Lösung der nationalen Frage nicht mehr im so einfachen Rezept der Assimilation der Minderheiten zu erblicken, sondern in Anerkennung der Tatsache der Existenz der Minoritäten ihnen ohne Unterschied die unerläßlichen Bedingungen nationaler Entwicklung zu gewähren und die Entscheidung über das endgiltige Schicksal der einzelnen Minderheiten der Geschichte zu überlassen. Karl Renner hält gewiß nicht alle in Österreich existierenden Minderheiten für vollständig vor dem nationalen Tode gefeit, er ist gewiß auch Marxist genug, um zu wissen, daß ein noch so klug ausgedachtes System nationaler Selbstverwaltung Minoritäten für die Dauer nicht retten kann, die den Keim nationalen Unterganges in sich tragen. Aber er ist auch bescheiden genug, um sich nicht das historische Richteramt anzumaßen über Leben und Tod organischer Bestandteile lebendiger und kämpfender Nationen, er sagt sich mit vollem Recht, daß hier Fehlurteile geradezu unvermeidlich sind. Hat doch die Geschichte das Urteil eines Karl Marx über die slawischen Nationen Österreichs in nachdrücklicher Weise berichtigt. Daher gesteht Renner in seinen Schriften allen nationalen Minderheiten ohne Unterschied die Möglichkeit nationaler Entwicklung zu, fordert er die Regelung der nationalen Frage auf Grund des Personalitätsprinzips, die rechtliche Konstituierung der Nation aus der Gesamtheit ihrer gegenwärtigen Mitglieder, ohne Rücksicht auf die Zugehörigkeit eines Teiles derselben zu historisch vielleicht dem Tode geweihten Minderheiten. Diesen einzig möglichen Standpunkt teilen denn auch ausnahmslos alle, die sich sonst prinzipiell mit Renner auf demselben Boden befinden. Und das sind gewiß nahezu alle wirklich demokratischen Politiker Österreichs, auch Rußlands. Man sollte meinen, daß was den anderen Recht ist, auch uns Ostjuden gegenüber billig sein müßte. Doch weit gefehlt! Hier hört die Geduld plötzlich auf, hier glaubt

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