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Der Jude · 1916-11-01 · Heft 8 (November 1916) · p. 502

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 8 (November 1916)
Article
Nationale Erwählung und nationale Besinnung
Date
1916-11-01
Page
502 (sequence 6)
Language
German
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502 Ernst Müller: heute geschieht, ist nur ein liebevolles Hegen jüdischer Formen und Inhalte: Sprache, Geschichte, religiöse Symbole, Volksleben der Gegenwart, moderne Literatur — und die auswählende Assimilierung des allgemeinen Kulturschatzes an nationale Lebensformen. Andrerseits sind wir uns klar, daß diesem Kulturstreben gerade in seinem Zusammenhange das Wesentlich-Eigene, das Schöpferische noch fehlt. Gerade weil die Quellen jüdischen Schaffens auch noch im Galut rein geistige waren, ist uns dieser Mangel bewußt. Erst wenn in unser nationales Leben bis in seine letzten Manifestationen nationales Bewußtsein dränge, als ein Wissen von unserem nationalen Sein und Sinn, könnte jüdisches Kulturleben bewußt in seinem eigenen Erdreich wurzeln und diesem wahrhaft Eigenes entspringen. Das zweite ist unsere Beziehung zu den Völkern. Nicht in der Abhängigkeit, sondern in der Freiheit der Eigenentwicklung kann diese erst Gegenstand des nationalen Bewußtseins und Willens werden. Das Leben des Ghettos und das der Assimilation sind kein Leben mit den Völkern, ersteres, weil es von dem Leben der Völker künstlich abgeschlossen und zugleich umschlossen, letzteres, weil es von demselben überflutet wird. Nur in freier Selbstentfaltung ist ein Leben bei und mit den Völkern, nicht bloß in und zwischen ihnen möglich. Auch die „Selbstemanzipation", in Unabhängigkeit von der Umgebung im Innern des Volkstums erweckt, vollzieht sich aber natürlicherweise im Lichte des Völkerdaseins. Und dies ist wohl der fundamentale Gegensatz der von Herzl begründeten und der im ostjüdischen Leben wurzelnden chowewe-zionistischen Politik gewesen, daß erstere von vornherein im internationalen Gewände auftritt, als eine Lösung also, die auch äußerlich das Judentum vom allgemeinen und in sich zusammenhängenden Völkerleben nicht abrücken, sondern mitten in ihm zu befreien strebt. Gerade Herzl, der Kosmopolit, war dazu berufen, die Frage der schwierigsten und adeligsten Politik als Jude zum erstenmal unter den Völkern aufzurollen, während Achad Haam, tief in jüdischen Kulturtraditionen wurzelnd, sein Augenmerk nur auf ein inneres Ziel gerichtet hält: die Einheit und Konzentration in der Verwirklichung des jüdischen Geistes. Jeder bloß in sich wurzelnde Nationalismus führt schließlich zur Entfremdung gegenüber dem großen Entwicklungswege des menschheitlichen Lebens. Wir konnten dies ja in den furchtbaren Konsequenzen sowohl bei den größten wie bei den kleinsten Nationen bemerken, bei jenen mehr in der absoluten Vergöttlichung der eigenen Machtideale und deren rücksichtsloser Verfolgung, bei diesen mehr in der Erhitzung ihrer nationalen Empfindlichkeit und einem aufs Äußerste gestachelten Chauvinismus. Wenn das jüdische Volk sein Leben in sich selbst konzentriert, so kann dies in Übereinstimmung mit seiner innersten Tradition und seiner innersten Veranlagung nur so geschehen, daß dadurch bewußt die Ideale des großen universellen Lebens zur Verwirklichung geführt werden. Welches immer die Form eines neuen jüdischen Gemeinwesens oder einer neuen jüdischen Volkssiedlung werde, sie muß ebenso auf den Prinzipien der sozialen Gerechtigkeit und der geistigen Verpflichtung des Blutes aufgebaut sein, wie der moderne Staat auf dem Prinzip der politischen und wirtschaftlichen Macht. Bürgschaft, daß dies keine Utopie ist, möge darin gesehen werden, daß rein äußerlich in der jetzigen Weltlage des jüdischen Volks das Wunder seiner Einigung überhaupt nur auf dieser Basis vollzogen werden kann, daß ohne sie die Erfüllung des jüdischen Volksstraumes mißlingen müßte, was sogar auf rein ökonomischem Gebiete Franz Oppenheimer unlängst geltend gemacht hat.

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