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Der Jude · 1916-11-01 · Heft 8 (November 1916) · p. 503

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 8 (November 1916)
Article
Nationale Erwählung und nationale Besinnung
Date
1916-11-01
Page
503 (sequence 7)
Language
German
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Nationale Erwählung und nationale Besinnung 503 Wie in einer ungeheuren Tragik ist das Völkerleben heute in Blut und Eisen, im Geist und in den Mächten, welche dies materielle Leben bedeuten, auseinandergezerrt — und dies gerade in einer Zeit, wo der Gemeinschaft als solcher die höchsten Opfer gebracht werden und wo im Innersten der Edlen aller Völker die Sehnsucht nach einem besseren nationalen und internationalen Leben flammender lebt denn je. Es ist, als ob tief in den Untergründen des Völkerlebens ein giftiger Same läge, der alle höchsten Blüten der Kultur und Gesittung doch wieder in Frage stellte. Wo in einem Volke die bloße Möglichkeit einer anderen Entwicklung a priori begründet ist, da könnte eine solche Entwicklung etwas beitragen zur Lösung der Tragik des Völkerlebens. Wie erst, wenn die Existenz dieses Volkes selbst gewissermaßen aus den Untergründen seines Volkslebens heraus an die Einheit des menschheitlichen Ideals gebunden ist? Eine solche Zukunftsperspektive vermag uns nicht zum Hochmut zu verführen. Denn sehen wir die heutige Situation des jüdischen Volkes an, so erscheint es nur unter den gebundenen Völkern als das gebundenste. Sein Schicksal ist nicht einmal durch seine eigene, sondern nur durch volksfremde Politik gebunden. Weit entfernt, ein versöhnendes Element der Völker zu bilden, steuert es nur zu einem Wachstum ihrer Gegensätze bei. Dennoch fühlen wir gerade im Innersten den Mangel der Stimme, die von einem Volke ausgehen müßte, das, ohne eigenes nationales Interesse an den Machtfragen der Völker, unter allen lebt. Sie ist ebenso stumm, wie die Stimmen der zwei ungleich größeren Mächte, die ebenfalls ihrem Wesen nach einer anderen Welt angehören als der des Augenblicks, in dieser unwirksam sind: Christentum und Sozialismus. Die Stimme dieses Volkes aber hören wir nicht, weil es selbst zerstückt, von den einzelnen Völkern umschlungen, gebundener ist als sie. Es ist gewissermaßen nicht einmal zu dieser berechtigt, denn nur durch seine individuellen Glieder lebt es im Grunde unter den Völkern, während sein Volksleben in sich verschrumpft ist und es darum nicht vermöchte, durch seine eigene Seele die inneren Zwänge und Gebundenheiten der Völker gleichsam in Freiheit fühlend mitzuleben — was nur für die jüdischen Einzelnen im Sinne eines unmittelbaren Teilnehmens an den Ereignissen der Zeit gelten dürfte. Darum kann aber das Judentum als Volk seine Aufgabe erst erfüllen, wenn es seine Aufgabe an sich selber erfüllt, dies aber in innerer Freiheit und im Bewußtsein seiner großen Einheitsmission. Möge dies auch der bestimmende Faktor sein für seine „Politik", Es bedingt die Unabhängigkeit von allem bloßen Nutzzweck und die Abhängigkeit bloß von der Erkenntnis des eigenen Zusammenwirkens mit den aufrichtigen Zielbestrebungen der Mächte; es bedingt, daß sich das jüdische Volk einstellt in die ungeborene künftige Völkerfamilie, als deren zu frühe gekommenes Mitglied gleichsam; es bedingt eine freie Haltung des jüdischen Volkes, das sich zugleich ganz auf sich selbst gestellt und doch im „Herzen der Völker** stehend betrachtet; es bedingt eine gewisse Erziehung der jüdischen Einzelnen und eine gewisse Verpflichtung der Zurückhaltung für die „Großen". Kein Zufall, daß unter den Fragen der künftigen Gestaltung des Völkerlebens schon jetzt, einerseits von ernsteren Sozialisten, andrerseits von anderen Faktoren, welche einer solchen Neugestaltung ernstlich die Grundlagen bauen möchten, die Lösung des Judenproblems in nationalem Sinne in Betracht gezogen wird. Denn ist es für das jüdische Volk die Frage seiner Zukunft überhaupt, so ist es andrerseits zugleich eine allgemeine Angelegenheit des Völker fr iedens. z. Zt. Baja (Ungarn) Ernst Müller

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