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Der Jude · 1916-11-01 · Heft 8 (November 1916) · p. 501

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 8 (November 1916)
Article
Nationale Erwählung und nationale Besinnung
Date
1916-11-01
Page
501 (sequence 5)
Language
German
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Nationale Erwählung und nationale Besinnung sierenden Emanzipation und jenes Nationalismus, für den Selbstemanzipation nicht bloß eine Form, sondern einen Inhalt bedeutet. Wenn jene mit Recht annehmen, daß, wenn mit der Grundlage des national-religiösen Lebens auch jener nationale Lebensuntergrund überhaupt verschwinden muß, eben die letzte Spur der lebendigen Existenz des jüdischen Volkstums wirklich verschwindet, so weiß dieser in dem jüdischen Volksleben des Ostens eine sichtbare Welt, deren Formen und Werte zwar jener ersterbenden national-religiösen Welt entstammen, die aber trotz mancher Entartungen in sich noch voll potentiellen Lebens ist. Aber auch über dieses Volksleben hinaus appelliert der jüdische Nationalismus an ein potentielles, unsichtbares nationales Leben, das wieder erweckt werden kann, wenn auch sowohl die sichtbare Erscheinungswelt als auch ihr schöpferischer Untergrund in ihren bisherigen Formen einer „sterbenden Welt" angehören. Denn das Bewußtsein unerfüllter Energien und Anlagen, der Anblick, daß gewaltige Volkskräfte sich „ohne Gesetz, ohne Bestand der Tat" ins Leere verlieren, bindet uns um so stärker an den Glauben, daß das jüdische Leben nicht bloß aus Quellen der UrVergangenheit und nicht bloß aus „Einflüssen" von außen gespeist wird, daß seine eigenen Samenkräfte noch nicht erstorben sind. Und wenn es absurd wäre, durch künstlichen Willen jenen nationalen Willensuntergrund erst erzeugen zu wollen, und vermessen, das Bewußtsein unserer Mängel schon für Schöpfung zu halten, so meinen wir umgekehrt, daß jener Wille selbst nicht aus dem Bodenlosen stammt und daß darum die Wiedererweckung des jüdischen Volkes im Grunde nicht Tatsache eines Programms, sondern der Geschichte ist. Gerade weil die Grundlage einer historischen Wandlung nicht ein zufälliger Wille, sondern der notwendige Weg der Zeit bildet, deshalb bedürfen wir aber um so mehr der Besinnung auf unser Sondersein und Anderssein, damit wir hieraus die Berechtigung und die Kraft schöpfen, es richtig zu verwirklichen und als neuen Impuls in das allgemeine Sein hineinzutragen. In zwei Gebietskomplexen insbesondere erscheint solche am Leben sich betätigende Besinnung als fundamentale Voraussetzung einer wirklichen Neugeburt unseres Volkslebens. Erstens auf dem Gebiete der nationalen Erziehung, worunter nicht Erziehung zum Nationalismus, auch nicht bloß Erziehung in nationalen Formen und Inhalten, sondern gleichsam eine solche innerhalb der Substanz der eigenen Nationalität zu verstehen ist. Gewiß haben wir, nicht erwachsen in geschlossener jüdischer Kulturgemeinschaft, Wesentlichstes dem Kulturstrome der Völker zu verdanken. Und auch wo das jüdische Volk diesem Strome entrückt auf sein Eigenleben angewiesen ist, zeigen unsere Kulturbestrebungen namentlich auf dem Gebiete der Erziehung eklektischen Charakter, wobei allerdings das Eigennationale einen besonders breiten Raum einnimmt. Aber auch wenn jüdische Lebenswerte in das Zentrum der Erziehung gesetzt werden, geschieht dies nicht mehr jener Methode nach, welche auf Grund der Vergangenheit als jüdische zu bezeichnen wäre, sowohl was die überragenden Geistesschöpfungen der alten Zeit betrifft, die nicht mehr sichtbar kontinuierlich mit der Gegenwart zusammenhängen, als auch die nicht mehr auf ein physisch-eigenes Volksleben bezogenen Schöpfungen des Geisteslebens im Exil. Erst durch individuelle Erfassung hindurch kann das Zentrum des jüdischen Eigenlebens gefunden werden, das somit selbst weder der Vergangenheit noch der Gegenwart, sondern der Zukunft angehört. Was

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