Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 8 (November 1916)
- Article
- Nationale Erwählung und nationale Besinnung
- Date
- 1916-11-01
- Page
- 500 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Soo Ernst Müller: neuen, teilweise fremden Ideen im Leben der jüdischen Gemeinschaft. Erst als die individuelle Emanzipation ihre Schranken gefunden hat und der geistigste moderne Fortschritt — besonders in Deutschland — sich im Gegensatze zu ihren Voraussetzungen vollzieht, wird im jüdischen Lager die Zauberformel gefunden, welche die moderne Freiheit organisch angliedern will an das Fortleben der jüdischen Gemeinschaft, die sich im Ghetto ohne diese Freiheit erhielt und entwickelte. Der Inhalt der Emanzipation auf die jüdische Nation als solche — nicht bloß auf die jüdischen Individuen — angewendet: das ist der neue Gedanke Moses Heß'; die Emanzipation ist nur dann echt in nationalem Sinne, wenn sie aus dem Willen und der Kraft der Nation selber entspringt: dies der neue Gedanke Leo Pinskers. Damit ist aus dem Innern des durch die modernen Ideen befruchteten Volksgeistes mit der Idee der nationalen Selbstemanzipation die Grundlage für den neuen jüdischen Nationalismus geschaffen. Innerhalb der neuen nationalen Bewegung hat der Gedankenkomplex der Auserwähltheit, obwohl er bei Heß noch eine fundamentale Rolle spielte, wenig Platz. An Stelle des bis auf die Bibel zurückreichenden: „ein Volk verschieden von jedem Volke" tritt die entgegengesetzte Devise: „ein Volk wie andere Völker" (z.B. in Herzls Ausspruch: Wir sind ein Volk, ein Volk).!Diese Formel hebt alle krankhafte Selbsttäuschung, vor allem jene unbestimmte Gefühlsweise einer nationalen Zugehörigkeit, die doch wieder als nationale verleugnet wird, auf und erhebt das jüdische Volksproblem in die klare Luft der Tatsächlichkeit. Dennoch vermag sie nicht, den tieferen volkspsychischen Komplex, den jene Idee bedeutet, dadurch nur irgendwie zu klären, daß sie ihn unbeachtet läßt. Und gerade, wo der jüdische Nationalismus aus bloß formaler Propaganda in praktische Wirklichkeit übertritt, muß sich, früher oder später, in dieser oder jener Form dieser Komplex zur Offenbarung drängen. Die reine und glatte Analogie mit den „anderen Völkern" ist ja ohnehin nur im Sinne einer ganz allgemeinen Charakteristik gültig. Das Gegebene ist eben nicht jene Analogie — und um sie erst in Wirklichkeit umzusetzen, müssen wir Ausschau halten nach Kraftquellen, für welche eben diese Analogie versagt. Denn um in Eines zusammenzufassen, womit sonst Sprache, Land, Sitten, Gebräuche usw. ein Volk charakterisieren, so fehlt eben in der ganzen Galutgeschichte dem jüdischen Volke jener unmittelbare dunkle Erdenuntergrund, der zum Wesen der rassenhaft und historisch bestimmten Völker untrennbar gehört — jener Untergrund, dem ebensowohl die Spannungen der Kriege als die Stile der Kunstwerke, ebenso die lebendigen Sprachdialekte wie die Grundstimmungen der Philosophien entspringen. Und der zugleich die fruchtbare Ackererde ist, in der die Lichtkeime schöpferischer Geisteskräfte zu den Formen des ganzen nationalen Lebens aufsprießen können. Nur hat das jüdische Volk gleichsam einen, nur geistigen, Ersatz dieses Erdengrundes sich bewahrt, seine entwurzelte, aber gerade durch das Exilsleben gewandelte nationalreligiöse Welt, von der einmal gesagt wurde, daß sie im Leben dieses Volkes diejenige Rolle spielt wie bei anderen Völkern die Natur selbst. Aber auch dieses eigenste nationale Leben, wenn es auch in breiten Volksschichten noch fortbesteht, zeigt seit der völligen Erstarrung der Orthodoxie und dem Verfalle des Chassidismus, vor allem aber an den Bedingungen des modernen Geistes gemessen, wenig lebendige Entwicklungskräfte mehr, so daß es scheint, als ob diese Bodenkraft völlig versiegt wäre. Hier aber scheiden sich die Wegrichtungen der Vertreter der entnationali-