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Der Jude · 1916-11-01 · Heft 8 (November 1916) · p. 499

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 8 (November 1916)
Article
Nationale Erwählung und nationale Besinnung
Date
1916-11-01
Page
499 (sequence 3)
Language
German
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Nationale Erwählung und nationale Besinnung 499 Auffassung lebt ganz im Kreise der überlieferten nationalen Geistigk&t: diese berührt aber selbst das Mysterium des geschichtlichen Geschehens. So hat zum Beispiel im Buche Sohar der Begriff Israel einen Doppelsinn. Er bedeutet oftmals gleichsam nur ein Symbol für die Menschheit und doch zugleich auch wieder dieses bestimmte Volk — und dies ist kein Widerspruch, wenn Israel gerade in seiner historischen Bestimmtheit als Nation die Symbolik der Menschheit irgendwie zum Wesensgrunde hat. Und dieses gilt positiv im Grunde nur in einer zeitüberspannenden Vergangenheits- und Zukunftsperspektive, für die Gegenwart aber negativ als die Verbannung Israels, welche zugleich die Verbannung und Verdunklung des Völkerdaseins überhaupt ist. Hier entspringt der Geistesaristokratismus Israels, der ihm nicht jene bittere Ranküne gegen den Völkerhaß gab, die in manchen Teilen des Volkes sich einnistet, sondern ernstlichen Trost gegen sein äußeres und inneres Schicksal und wahrhafte Kraft, sich wenn irgend anders, im Selbstbewußtsein zu erhalten. Man merke aber auch, daß dieser echte Aristokratismus völlig innerer Art ist, daß er ein Ideal von sich selbst in den Höhen des Ewigen gefunden hat, das nur im Metaphysischen erfüllt, in der Wirklichkeit aber zu erfüllen ist. Die eigentümliche Rolle Israels unter den Völkern liegt vor allem in dem, was es ist, was es in sich selber realisiert. Eine mißverständliche Umdeutung dieses nationalen Lebensgrundgefühls ist der sogenannte Missionsgedanke, der ohne den realisierten eigenen Geistesinhalt das Zentrum des Volksdaseins in eine ebenso abstrakte als direkte Wirkung auf das Wesen der anderen Völker versetzt. Damit berühren wir bereits die neuere Geistesentwicklung, für die es zunächst charakteristisch ist, daß ihre treibenden Kräfte von außen kommen. Denn im Zeitalter der Emanzipation, das im ganzen bis etwa zum letzten Viertel des vergangenen Jahrhunderts reicht, enthüllt sich erst die völlige Passivität des jüdischen Schicksals. Nicht nur Israels Zerstreuung, nicht nur seine Verbannung und Vernichtung als nationaler Körper, sondern auch seine Emanzipation ist zuerst ein Werk von außen, nicht durch es selbst, sondern durch den Zustand der Völker bestimmt. Weil diese Emanzipation auf die jüdischen Individuen abzielt, denen sie die Möglichkeit erleichtert, mit der Umgebung zu leben, lockert sie den Zusammenhalt der dieser Umgebung doch fremden jüdischen Nationalität. Daß die Emanzipation keine völlige geworden ist, ist für irgendeinen Einzelnen ebenso beklagenswert, wie es für die Gesamtheit der unmittelbare Ausdruck einer historisch-unüberwindbaren Wesensdifferenz ist. Seltsam ist der Seelenzustand derjenigen Juden, welche zugleich mit den Lebensformen ihres Volkstums verwachsen sind und die persönliche Emanzipation als die Sonne einer neuen Zeit begrüßen. Das nie gekannte Gefühl der Freiheit von den drückendsten Lebensbeschränkungen, noch mehr aber der geöffnete Blick in die Unendlichkeit des Menschentums ist für die Mitglieder der jüdischen Stammes¬ und Glaubensgemeinschaft ein ganz unerhörtes, aber zugleich bedingt dieses Freiheitsgefühl ein Untergraben der Wurzeln dieser Gemeinschaft selbst. Bei den edleren Gestalten jener Zeit kann man oft noch historische Begeisterung für das ererbte Judentum gepaart finden mit konkreter Begeisterung für die Aufnahme der nationalen Lebensformen und -inhalte der umgebenden Völker. Auf der Basis der ersteren glaubt ein gewisser nationaler Erhaltungswille noch wirksam sein zu können und täuscht sich durch den Missionsgedanken hinweg über die faktische Mission der 35*

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