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Der Jude · 1916-11-01 · Heft 8 (November 1916) · p. 498

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 8 (November 1916)
Article
Nationale Erwählung und nationale Besinnung
Date
1916-11-01
Page
498 (sequence 2)
Language
German
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498 Ernst Müller: und mißdeutender Seite wurde diese oft einem Volkscharakter von besonderer Härte zugeschrieben oder dem Unvermögen dieses Volks zur inneren Freiheit, die des Sollens nicht bedarf. Aber der innere Formcharakter dieses großen Systems religiöser, ritualer, sozialer und hygienischer Gesetze ist mit den Begriffen des „Sollens" oder gar des „Müssens" noch gar nicht gegeben — es ist vielmehr nur die Unbedingtheit eines über dem chaotischen Getriebe der Volksinstinkte erhabenen Seins, das sich, wie geistige Gesetze in den Rhythmen der Naturerscheinungen, hier in einem der freien Wahl unterliegenden Wege in reinster Form ausprägt. Und zu der Erfüllung des Gesetzes — das oft in der bloßen Indikativform auftritt — gehört das volklichpersönliche Bekenntnis: „Wir wollen es tun und hören," worin nach einer tiefsinnigen Deutung das „Tun" sogar dem „Hören" vorangeht. Die Fülle der Gebote und Verbote in ihrem ursprünglichen Sinne will nur ein Ausdruck sein der grandiosen Polarität: Volk — Gott, Ausdruck dessen, daß Wesen und Ziel des Gesetzes ganz und gar Gott, Bedingung seiner Verwirklichung ganz und gar der Mensch in seiner volklichnatürlichen Erdenwirklichkeit ist. Im natürlichen Untergrunde des Völkerdaseins wurzelnd wie irgendein Volk, erscheint Israel nur durch den Ruf der Gottheit und durch die Seele der Erlesenen, die diesen Ruf vernehmen, über den Volksrahmen hinausgehoben. Nicht mit der Gründung des Christentums, wohl aber mit der Ausbreitung der christlichen Mächte tut sich ein Abgrund auf zwischen diesem Volke und den aus dem Chaos sich emporringenden neuen Völkern, die einst Europa bilden sollten. Die Grundlagen seiner eigenen geistigen Existenz sind in geistig-theoretisch sublimierten, praktisch aber den neuen Machttrieben der Völker angepaßten Formen in deren Eigenleben allmählich übergegangen. Zugleich ist ihm selbst der Untergrund seiner natürlichen Existenz gleichsam unter den Füßen verschwunden. Der physische und geistige Inhalt seiner Volksgeschichte ist es geworden: das „Galut" durchzuleben, das heißt: nicht in den geschichtlichen Tod einzugehen wie jedes Volk bei gleichem historischem Schicksal, sondern den nationalen Tod selbst durchzuleben. Der Tragödie Barkochbas, die ihre Analogie bei vielen untergehenden Völkern hat, folgt die unvergleichlich größere der Erhaltung des Volkes ohne die Möglichkeit, sein Volkssein nach dessen eigenen Gesetzen in die Welt zu stellen. Zugleich aber muß eine ungeheure nationale Positivität dem Volke die Kraft geben, den „Funken" seines Seins nicht verglühen, den Mut und Glauben an seinen sinnlich nicht wahrnehmbaren historischen Sinn nicht versinken zu lassen. Würde nicht die Geschichte das Gegenteil bezeugen, es wäre die Entstehung der Vorstellung der Auserwähltheit als einer nationalen Fiktion gegen den eigenen historischen Verfall begreiflich. Daß eine solche Annahme jedoch historisch unmittelbar widerlegt wird, beweist, daß dieser Idee eine tiefere Quelle als die der Reaktionswirkung zugrundeliegt. Wohl aber nimmt sie in Wechselwirkung mit dem Volksschicksal merkwürdige Wandlungen an, von denen die eine mehr im Volkstümlich-Trivialen, die andere mehr im Sublim-Geistigen zu suchen ist. Selbstverständlich ist jene in stärkerem Grade Ausdruck der Reaktion, diese mehr der Freiheit gegen das Schicksal. Dort wird das Nationale selbst in eine ungesunde und unnatürliche Verschmolzenheit mit dem Religiösen gebracht, woraus sich eine völlige Versponnenheit in die eigene nationale Welt und Verachtung alles Fremden ergibt, welche letztere nur bei der vollständigen gegenseitigen Unkenntnis von Wirts- und Gastvolk begreiflich ist. Auch die andere

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