Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 8 (November 1916)
- Article
- Nationale Erwählung und nationale Besinnung
- Date
- 1916-11-01
- Page
- 497 (sequence 1)
- Language
- German
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NATIONALE ERWÄHLUNG UND NATIONALE er von allgemein nationalgeschichtlichem Ausgangspunkte dem Geschichts« Y V problem des Judentums gerecht werden will, der, dünkt mich, kann um den einen Punkt nicht herum, der nicht nur den Eckstein des Problems, sondern gewissermaßen auch den Zugang zu seinem Geheimnis darzustellen scheint. Ist ja doch etwas wie ein verzerrter Abglanz dieser Vorstellung auch noch für die dunkelsten Zeiten und Seiten des jüdischen Geschichtslebens aufs engste verknüpft mit den Erhaltungskräften unserer ohne Land und Sprache noch immer nationalen Existenz. Wurzelt doch auch das einzigartige Band zwischen Nation und religiösem Geist bis in das graue Altertum hinauf ganz und gar auf dieser völlig inkommensurablen und irrationalen Vorstellung! Wie aber dieses Irrationale fassen? Soll es als Geschichtsphänomen erklärt, in seine psychischen Wurzeln hinein verfolgt, in seinem Lebensrechte untersucht oder nur seinem Inhalte nach analysiert werden? Ohne Zweifel können wir der „Auserwähltheit", die nicht bloß Gedanke oder Gefühl, sondern eine wirkende Idee ist, nicht wohl anders gerecht werden, als indem wir ihre Wandlungen und ihre Entwicklung seit der Urzeit bis auf den heutigen Tag betrachten. Ohne alle Beziehung auf heutiges Leben erschließt sich uns zunächst die altbiblische Vorstellung in ganz eigenartiger Wucht und Lebendigkeit. Zweierlei ist für ihre Charakterisierung entscheidend: ihr theokratisches Wesen und ihre unbeugsame Form. Nicht aus nationaler Selbstüberhebung fühlt sich Israel in ganz besonderer Weise in das Leben der Menschheit hineingestellt. Niemals ist — wie dies Hugo Bergmann in seinen „Worten Mosis" klar gemacht hat — diese Erwähltheit anders aufgefaßt worden, denn als eine hohe und große Aufgabe, vor allem niemals als Eigenverdienst, sondern als „Gottes Wille". Dieses Volk erscheint in seiner Urgeschichte nicht eigentlich nur als gotterwählt, sondern als gottgebildet; nicht nur sein nationales Ziel, sondern seine nationale Existenz hängt an den Fäden des Absoluten. Es ist unterscheidend gegen die von den anderen Völkern gewobenen Ursprungssagen, daß hier nicht Götter im Ursprung stehen, die gewissermaßen selbst den Idealtypus des Volkes darstellen, wie besonders bei den Griechen, und deren Abkömmlinge, Boten, Heroen oder Könige auf die Erde hinabsteigen, sondern das göttliche Prinzip selbst, das wohl sichtbar und fühlbar das Gewebe der Geschichte knüpft und löst, selbst aber in seiner schauervollen Ferne und Unergründlichkeit verharrt. Dennoch ist von dieser Ferne und Unergründlichkeit das nationale Ich gewissermaßen völlig umschlossen, in ihr völlig aufgegangen — ein Verhältnis vergleichbar dem, das sich in der Mystik für den Einzelnen darstellt, und in der geistigen Völkergeschichte einziger Art. Und in diesem Verhältnis liegt zugleich der Grund für die absolute Form des lebenbindenden göttlichen Gesetzes. Von mißverstehender Heft 8. 35 BESINNUNG