Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Jüdisch-Deutsche Bibelübersetzungen [Rezension]
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 254 (sequence 6)
- Language
- German
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254 Umschau: Jüdische Wissenschaft nicht um den Zusammenhang sich kümmert. Die Buchstäblichkeit der jüdisch-deutschen Bibelübersetzung aber hat auch noch zwei besondere Gründe. Erstens, daß sie gleich den Glossaren, aus denen sie hervorgegangen ist, nur Unterrichtszwecken dienen will. Nicht gleich der ersten griechischen, syrischen, arabischen Übersetzung von vornherein als lesbares Ganzes geplant und verfaßt, sondern aus unzusammenhängenden Einzelerklärungen zusammengestellt, damit jeder Vater, ja im Notfall auch die Mutter und Schwester den Knaben und selbst ein noch so schlichter, unfähiger Lehrer den Schüler darnach unterrichten könne (S. 66 und sonst). Zweitens hat auch die bis auf die kleinsten Bestandteile des Bibeltextes sich erstreckende Verehrung der heiligen Schrift in sklavisch wörtlicher Übertragung ihren Ausdruck gefunden. Es ist dieselbe heilige Scheu, die z. B. schon vor achtzehnhundert Jahren den griechischen Bibelübersetzer Aquila veranlaßt hat, völlig ungriechisch, ja unerhört barbarisch3 eth haschamajjim (Gen. i,i) mit avv tdv övgavöv wiederzugeben, nur damit im Sinne seines Zeitgenossen R. Aquibas, der allen Partikeln des Pentateuch eine Deutung gab, das hebr. 3eth auch in der griechischen Version als bedeutsam hervortrete. So sollte auch in der jüdisch-deutschen Bibelübersetzung nichts von dem verwischt werden, was die traditionelle Auslegung als wichtig in das Wort hinein- oder aus dem Wort herausgedeutet hatte. Mochte auch die Richtigkeit und Schönheit des Stils noch so sehr darunter leiden, mochte über der Übersetzung des Einzelnen der Sinn des Ganzen völlig verloren gehen, nicht darauf kam es an. Darum war gerade der Ragi- Kommentar mit seiner aus pesat (einfacher Wortsinn) und midrag (überlieferte Interpretation) jüdisch-volkstümlich kombinierten Weise Hauptquelle und höchste Autorität für alle Übersetzer ins Jüdisch- Deutsche, Das meiste von dem, was bei ihnen auf den ersten Blick schwer verständlich oder stark auffallend scheint, auch das meiste von dem, was sie als exegetische Bemerkungen eingeflochten haben, geht einfach auf Ragi zurück. Dort, wo der Herausgeber zuweilen sich vergebens gemüht hat, die Quelle der auffallenden Exegese irgend eines Übersetzers zu finden, hätte die Einsiebt in den Rasi-Kommentar ihn alsbald jeder weiteren Mühe überhoben. Nicht unerwähnt bleibe schließlich noch, daß bei schwierigen unverständlichen oder unverstandenen Stellen sklavische Buchstäblichkeit der Übersetzung das einzig Gegebene ist. Das gilt nicht nui für die Bibel, sondern auch für die meisten Texte der mittelalterlichen synagogalen Poesie, die sog. Pijjutim, deren jüdisch-deutsche Übersetzung eine bis zu völliger Unverständlichkeit wörtliche Wiedergabe ist. 1 Nur wo es sich mehr um freie Bearbeitung des Bibelwortes als um Übersetzung handelte, nicht um Zwecke des Bibelunterrichts, sondern um Erbauung und Unterhaltung zum Ersatz für das Lesen „in torechten büchern as Ditriech von Bern, Hildebrant un* der gleichen, di doch nüt anders dan lugen vn erdichte ding sein" (128, ähnlich 150 und 287), wo biblische Geschichte oder biblische Stücke in prosaischer Paraphrase oder poetischer Umformung dargeboten wurden, entfiel der Zwang buchstäblich treuer Wiedergabe. So erklärt es sich auch, daß bei den Prophetenabschnitten der Übersetzer sich mehr Freiheit herausnehmen durfte, als beim Pentateuch, wo seines religionsgesetzlichen Inhalts wegen peinliche Genauigkeit der Übersetzung als heilige Pflicht galt. Offenbar hat der Übersetzer der Stücke S. H26ff. von vornherein nicht eine wörtliche, sondern nur eine zusammenhängend lesbare Verdeutschung beabsichtigt. Aber eine ziemlich willkürliche Behandlung des Textes, wie Staerk (S. 107 und 112) meint, kann ich nicht feststellen. Die Vermutung, daß es fast scheine, als ob das Ganze aus dem Kopfe niedergeschrieben wäre, kann ich darum nicht teilen, weil das Übersetzen eines größeren biblischen Stückes aus dem Gedächtnis, und handelte es sich auch nur um eine Haphtara, mit der vollen Pietät gegen die heilige Schrift nach damaliger Anschauung nicht gut vereinbar wäre. Auch erstrecken sich die Weglassungen nur auf Weniges, dessen Fehlen den Sinn des Ganzen kaumberührt. Auch von nichtkanonischen Schriften und jüdischen an biblische Personen anknüpfenden Legenden bietet das Buch einige jüdischdeutsche Übersetzungsproben. Dadurch, daß einige biblische Stücke als Mustertexte verschiedener Übersetzungen wiederholt abgedruckt sind, ist Gelegenheit geboten, den Zusammenhang zu erkennen, der zwischen den einzelnen Verdeutschungen und ihrer vorauszusetzenden Grundlage in den Bibelglossaren besteht und auch verschiedene Mundarten des Jüdisch-Deutschen miteinander zu vergleichen. Was ich zum Schlüsse noch besonders hervorheben möchte, ist die außerordentliche