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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 4 · p. 255

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 4
Article
Jüdisch-Deutsche Bibelübersetzungen [Rezension]
Date
1923-01-01
Page
255 (sequence 7)
Language
German
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Umschau: Presseschau 255 Feinheit des Empfindens und die seltene Fülle des Verständnisses, womit Staerk sich in seine Texte vertieft hat. Höchste Anerkennung gebührt dem in Sprache und Literatur des alten Jüdisch-Deutsch staunenswert bewanderten protestantischen Theologen und Bibelexegeten, dem nicht nur strenge Wissenscbaftlichkeit, stoffbeherrschende Gründlichkeit und kritische Besonnenheit die Feder geführt, sondern auch liebevolles Sicheinfühlen in den Stoff es ermöglicht hat, hervorragend feinsinnige Urteile einzuflechten, wie z. B. folgende köstliche Probe einer unübertrefflich schönen Würdigung der jüdisch-homiletischen Eigenart im Altertum und Mittelalter, in Worten (S. 322 ff.), die dem Verfasser zur Ehre, dem Buche zur Zierde gereichen: „Die Freiheit der Vorstellung gegenüber dem für das praktische Handeln so streng autoritativen Bibelwort brachte es mit sich, daß beinahe jede einzelne Aussage datin Ansatzpunkt für eine ausmalende Erzählung werden konnte. Und die alte homiletische Praxis der Synagoge, die den Massen den tiefen Sinn und den Ewigkeitsgehalt des Bibelwortes erschließen wollte, hat von Anfang an dazu beigetragen, daß aus dem biblischen Mutterboden frommer Sagen und Gecchichten eine Wunde»*welt von phantasievollen poetischen Erzählungen religiösen und sittlichen Gehalts emporstieg. In diesen zum größten Teil noch ungehobenen Schätzen jüdischer frommer Dichtung spiegelt sich die gläubige Seele Israels, des Volkes der zwei Kulturwelten und der einander ablösenden Kulturepochen, Orient und Okzident, Altertum, Mittelalter und Neuzeit, in fast unerschöpflicher Farbenpracht. Alle Gestalten der Bibel, von der Urzeit bis auf die Tage der Esther, alle Geistesheroen des Judentums, die an dem Granitbau seiner, das Leben in Gottesfurcht bindenden religiösen Ordnung geschafft haben, wandeln in Sage und Legende an uns vorüber, alle Völker, Zeiten und Kulturen, die auf Israels Leben hemmend oder fördernd eingewirkt, haben ihre Spuren in diesem Schatz von Erzählungen hinterlassen. Denn dieses Volk hat von seiner frühesten Jugend bis ins Alter hinein die innere Freiheit gehabt, sich bei allem Festhalten an seinem kulturellen Eigenbesitz ein offenes Auge und Empfänglichkeit für geistige Werte anderer Nationen zu bewahren." Aus diesen Worten verspüren wir den Hauch des Geistes, der die Blätter des ganzen Buches wohltuend durchgeht. Nathan Porges PRESSESCHAU Die Verbannten Anfangs März hielt der englische Ministerpräsident James Ramsay Macdonald auf einem Waliser Nationalbankett in London (zur Feier des Tages von St. David) eine Rede, -aus der wir nach einem Bericht des „Observer", der die obige Überschrift trägt, folgende Absätze, die von einem allgemeineren und zugleich einem besonderen, nämlich jüdischen Interesse sind, wiedergeben. Der „Observer" bemerkt noch, daß für die Veranstaltung sowohl die Tischkarten als auch die Liste der Toaste in walisischer Sprache gedruckt waren und daß von den ungefähr 500 Gästen 200 die, Namen Jones, Evans und Davies trugen. Ramsay Macdonald verglich zunächst die Waliser mit den Schotten (er ist bekanntlich selbst Schotte) und fuhr dann fort: Wir sind beinahe wie Josef in Ägypten. Wir sind aus unserem eigenen Lande herabgestiegen nach Kanaan zum Besten eines hilflosen fremden Volkes. Wie Josef haben sie ihre Hirten und Herden und deren Erträge mitgebracht; wie Josef haben wir nach unseren Vätern gesandt; und wir sandten eine Botschaft in die Täler, aus denen wir kamen, gleich der Botschaft, die Pharao an Josefs Vater sandte: „Ich will euch Güter geben im Ägyptenland, daß ihr essen sollt das Mark des Landes." Zuweilen sind unsere Gastgeber undankbar genug, uns zu sagen, wir sollten nachhause gehen. Wenn wir aber aufbrechen würden, um nachhause zu gehen, so würden sie — dessen bin ich ganz sicher — uns sofort für Gefangene erklären, um uns hier zu behalten, da sie ohne uns nicht sehr gut auskommen können. Und doch laufen wir große Gefahr in diesem Lande. Wir laufen Gefahr, unsere eigenen Traditionen zu vergessen, unsere eigene Sprache zu vergessen, unseren Stand, unsere Musik, unsere Geschichte und vor allem anderen unsere Heiligen. Eines aber gibt es, das wir niemals vergessen sollten: das ist, daß allein die Mannigfaltigkeit und die Individualität die Welt erlösen kann. Der Tag, an dem wir alle gleich würden, wäre der letzte Tag des mensch-

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