Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Jüdisch-Deutsche Bibelübersetzungen [Rezension]
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 253 (sequence 5)
- Language
- German
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Umschau: Jüdische Wissenschaft 353 das hebräische Stichwort m a s b e r auf die rechte Spur helfen kann. Dieses Wort heißt form (Form), weil es dem Glossator als synonym mit obhnajim gilt, das nach der traditionellen Erklärung erstens (Ex. 1,13) Gebärstuhl bedeutet und zweitens (Jer. 18, 3) auch die zum Formen von Tongefäßen dienende Töpferscheibe, weshalb es z. B. 63* in der Bibelkonkordanz des R* Anschel (XV. Jahrh.) mit f o r e m (Form) übersetzt wird. So erklärt ein hebräisches Stichwort das andere, aber das deutsche Stichwort „muttermund" macht alles unverständlich. 1612 du hast zerbrochen] du verwirdist le[son] ihr wurdet zerbrochen. Nur dann verständlich, wenn man das hebräische Stichwort hahittosha (Jes. 9, 3) hinzunimmt, das der Glossator richtig mit tehattu (Jes. 51,5 oder Jer. 10,2) „werdet verwirrt" etymologisch zusammenstellt. 1923 und zerklüftetes land] un' di geheftet. Völlig unverständlich ohne das hebr. Stichwort weha-rekhasim das der Glossator von der Wurzel rkhs (vgl. wa-jirkesu Ex. 28, 28) in der Bedeutung „heften" ableitet. 2010 die entbrannt sind] diurlogen. Ratlos steht man vor einem Rätsel. Man muß schon das Stichwort ha-neherim kennen, um herauszufinden, daß der Glossator es etymologisch mit herem (Bann urloge) zusammengebracht hat. 3119 und er wartete] u n b e i t o t. Heißt b e i t o t etwa wartete? Aber das Stichwort wa-jahel (Gen. 8, 10) wird vom Glossator mit wa-jehal (Ex. 32, 11) „und er betete" in Verbindung gebracht. Diese wenigen Beispiele, deren Zahl sich leicht vermehren ließe, zeigen genugsam, wie die Ersetzung _des hebr. Stichwortes durch die deutsche Übertragung das Verständnis der Glosse nicht selten erschwert hat. Was der Glossator sagen wollte, ist dadurch manchmal bis zur Unkenntlichkeit verwischt worden. Darum wäre es richtiger gewesen, die deutsche Übersetzung an Stelle des hebr. Stichwortes nur da zu geben, wo sie mit der Auffassung des Glossators völlig oder doch nahezu ganz sich deckt, sonst aber, wo die beiden stark auseinandergehen, das hebr. Stichwort in wissenschaftlicher Umschreibung im Text zu bringen und dazu in den Fußnoten, wie es einige Male geschehen ist, regelmäßig die eigenartigen Übersetzungen des Glossators entweder durch Angabe der von ihm angenommenen Etymologie oder durch den Hinweis auf Rasi als Gewährsmann oder sonst irgendwie zu begründen. Von einer zusammenhängenden jüdischdeutschen Übertragung einzelner biblischer Bücher ist vor dem XIV. Jahrh. keine Spur. Auch in Frankreich, wo die Geschichte der Juden mit ihrer Austreibung im Jahre 1306 ein jähes Ende nimmt, hat es niemals eine jüdisch-französische Bibelübersetzung gegeben. Vollständige jüdisch-deutsche Bibelversionen finden wir erst im letzten Viertel des XVII. Jahrh. Die Annahme Staerks, daß Bibelglossare die Grundlage der Bibelübersetzungen gebildet haben, nicht umgekehrt, darf fortab als gesichertes Ergebnis betrachtet werden. Die erste Anregung zur Aufzeichnung von Glossen und Glossaren gab der Jugendunterricht. Wenn ich auch Staerks Vermutung (S. 76), daß die Kenntnis des Hebräischen unter den deutschen Juden seit den Kreuzzügen stark nachgelassen habe, nicht teile, vielmehr das Gegenteil annehmen möchte, so war doch, wie bereits im XI. Jahrh. in Frankreich, so auch in Deutschland beim Bibelunterricht die Übersetzung und Erläuterung in der Landessprache, namentlich bei seltenen oder schwierigen Wörtern und Wortformen, üblich, ja unentbehrlich. Das Bibelglossar (Cod. hebr. Leipzig Nr. 1099) aus dem XIII. Jahrhundert sowie den französischen Glossen einige Jahrzehnte später deutsche Randglossen hinzugefügt worden sind, zeigt deutlich die enge Beziehung der deutschen zu der französischen Glossen-Literatur in Ursprung und Anlehnung (Proben daraus S. 30 ff.). Mindestens schon im XV. Jahrh. hat es eine Menge von prosaischen Verdeutschungen einzelner biblischer Bücher gegeben. Fast alles davon ist spurlos verschwunden. Erst mit der Verbreitung des Buchdruckes häufen sich die jüdisch-deutschen Übersetzungen biblischer Bücher. Die Wörtlichkeit der Übertragung, bei Glossen^ das einzig Mögliche, ist auch von den Übersetzern" ganzer Bücher — zuweilen bis zur Sinnlosigkeit-- festgehalten worden. So hat Michael Adam den Pentateuch usw. (Konstanz 1544), wie im Vorworte angegeben, millah bemillah" wortwörtlich verdeutscht (S. 126). Auch die Übersetzung von Cremona 1560 ist „mit großer treuschaft, die möglich gewesen is", verfaßt (S. 129). Manche fortlaufende jüdisch-deutsche Übersetzung verrät nur allzusehr ihren Ursprung, die Zusammensetzung aus Glossen. Sie liest sich nicht wie ein zusammenhängendes Ganzes, sondern bestenfalls wie eine Interlinearübersetzung, die nur um den Sinn des einzelnen Wortes,