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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 4 · p. 248

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 4
Article
Ein Judenstaats-Antrag an den Berliner Kongreß (1878)
Date
1923-01-01
Page
248 (sequence 2)
Language
German
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Umschau: Geschichte -.-.-.-;-.-^jr große Nichtigkeiten, oder über große Dinge, deren Dimensionen zu bedeutend sind, als daß unser langsamer Verstand sie auf den ersten Blick zu erfassen vermöchte". Die vorliegende Frage stelle er in die zweite Kategorie. Die Begründung des Antrages, zu der Istoczy am 24. Juni in zweistündiger Rede Gelegenheit fand, war allerdings zum Teil dazu angetan, die Lachmuskeln der Hörer zu reizen. Er ging von der schwierigen Lage der ungarischen Nation aus, der von Seiten der Österreicher wirtschaftlicher Ruin und von Seiten der schönen Jüdinnen in wenigen Generationen der Rassenuntergang drohe. Wahrend alle Heilbäder spurlos an den christlichen Frauen vorübergehen, seien die Jüdinnen von einer unheimlichen Fruchtbarkeit» Das mohammedanische Element in Europa verschwinde immer mehr und es gebe unter den christlichen Völlcern nur ein Element, das sie unter das Sklavenj och beugen wolle: das jüdische. Die gegenwärtig 710 000 Juden Ungarns würden entsprechend der Progression, nach der sich ihre Zahl innerhalb 85 Jahren verachtfacht hat, im Jahre 1900 auf 1 000 000, im Jahre 1930 auf 2 200 000, im Jahre 2020 auf 17 600 000 Seelen sich vermehrt haben, also die Einwohnerschaft des Stefansreiches im Jahre 1878 um das Doppelte überragen. Der Steigerung der Zahl der Juden stehe eine Verringerung der Ungarn in den Jahren 1868/70 um nahezu 36 000 Seelen gegenüber. Allerdings waren Cholera und andere Epidemien mit daran Schuld, wobei sich die merkwürdige Tatsache ergab, daß stets im Laufe der Geschichte die Juden von Seuchen verschont blieben. Die Juden sollten sich nicht einbilden, daß die Ungarn ihr Land vor der russischen Invasion schützen, um nach zwei, drei Generationen von ihnen beherrscht zu werden. Dann, sprach Istoczy in der bekannten antisemitischen Tonart von der hohen Stellung, die die Juden in anderen Ländern einnehmen, von ihrer Teilnahme am Sozialismus und Kommunismus. Die mittel alterlichen Mittel zur Bekämpfung der Juden lehnte er ab. Die Lösung liege in der Gründung des Judenreiches. Dies wäre um so einfacher, da ihr ganzes Vermögen in Mobilien bestehe, und so könnte der Auszug innerhalb zwei Tagen bewerkstelligt werden. Istoczy will den Vortritt in der Sache dem „mächtigen Judenfreunde Europas", Disraeli, überlassen, wünscht aber, daß Ungarn diesen Plan auf dem Kongreß unterstützt. — Der Kultusminister Trefort bedauerte, daß solche Doktrinen, die weder mit der Ehre des Parlaments noch mit dem Zeitgeis e im Einklang stehen, überhaupt vertreten werden können. Er betrachte den Antrag als „literarischen Essay", der hoffentlich schon wegen seiner Bedeutungslosigkeit keinen Schaden anrichten werde. Istoczjr entgegnete, er habe seine Idee nur entwickelt, um die Welt mit ihr bekannt zu machen, und den Journalen, die ihn. totschweigen, einen Streich zu spielen. Dann zog er den Antrag zurück. Die ganze Verhandlung konnte nach dieser Aufmachung in der Öffentlichkeit nur Gelächter hervorrufen. Und doch gab es naive Gemüter, die aus einer Stimmung heraus den Antrag ernst nehmen zu müssen glaubten. In den Akten des Berliner Auswärtigen Amtes finden wir einen an den „hohen Kongreß zu Händen des Herrn Fürsten von Bismarck und Lord Beaconsfield und Kommilitonen" gerichteten, Breslau, Mitte Juni, datierten Brief, in dem an der Diplomaten „Kraft und guten Willen" appelliert wird, daß sie durch ihre Souveräne „ein. Heim im alten Vaterland als selbständige konstitutionelle Monarchie konform dem beiliegenden Istoczyschen Antrage herstellen lassen" mögen. Dieser Brief von wenigen Zeilen ist „für viele 100 000 Israeliten" von M. Levy, Th. Freund, C. Meyer, Rößler unterzeichnet. Stil, Orthographie und Form der Eingabe, die auf einem kleinen Oktavbogen geschrieben ist, lassen darauf schließen, daß wir es mit einer "belanglosen Enunziation einiger völlig unlegitimierter, die Situation offenbar in keiner Weise erfassender Personen zu tun haben. Die auf meine Veranlassung in Breslau angestellten Nachforschungen nach diesen Personen haben bisher zu keinem Ergebnis geführt. Sicher ist, daß der Schritt lediglich privaten Charakter trug und daß die jüdische Gemeinde in Breslau oder eine andere öffentliche Körperschaft nichts mit ihm zu tun hatte. Die Verfasser der Eingabe mögen ihren Antrag sehr ernst gemeint haben und von den lautersten Absichten beseelt gewesen sein. Was konnte aber das Kongreßbureau anders tun, als das Gesuch zu den Akten zu legen, wo es sang- und klanglos verschwand? Eine kuriose Ergänzung zu dem vorstehend Geschilderten bildet die in der „Breslauer Morgenzeitung" vom 19. Juni 1878 wiedergegebenen Nachricht, nach welcher der Abgeordnete Istoczy von den Juden

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