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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 4 · p. 247

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Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 4
Article
Ein Judenstaats-Antrag an den Berliner Kongreß (1878)
Date
1923-01-01
Page
247 (sequence 1)
Language
German
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UMSCHAU GESCHICHTE Ein Judenstaats-Antrag an den Berliner Kongreß (1878) Der Gedanke der Errichtung eines Judenstaates in Palästina tauchte im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts immer wieder in allerlei Variationen auf. Praktische Formen nahm er freilich erst seit dem Auftreten der Chowewe-Zion an, sowenig deren Streben auch direkt auf einen Judenstaat gerichtet war. Bis dahin blieb er im großen Ganzen Monopol der Literaten, nur selten griffen ihn Politiker auf. Der Berliner Kongreß, der dank den Einflüssen jüdischer wie nichtjüdischer Korporationen und Persönlichkeiten einen Teil seiner Aufmerksamkeit der Judenfrage, insbesondere der in den Balkanstaaten, widmete, wäre vielleicht auch das geeignete Forum zur Erörterung der Judenstaatsidee gewesen, wenn sie damals im jüdischen Lager einen ernsthaften Widerhall gefunden hätte. Aber davon war keine Spur. Wer sollte denn im Namen der Judenheit oder eines ihrer Teile eine derartige Forderung in so legitimierter Form erheben, daß sie auf den Kongreß Eindruck machen würde? Etwa die Alliance Israelite Universelle oder Bleichröder, die sich wohl um die Behandlung der Judenfrage auf dem Kongreß verdient gemacht haben? Oder etwa das Häuflein palästinensischer Juden, oder die Pioniere der im Kongreß jähre gegründeten Kolonie Petach-Tikwah? Es gab in der Tat auf jüdischer Seite niemand, der sich zu dieser Forderung hätte emporringen können. Und so kam die Anregung von einer Seite, von der man sie nicht erwartet hatte, in einer Art, die den Gedanken von vorneherein diskreditieren mußte, so daß die Episode, die wir im Folgenden erzählen, nichts als ein amüsantes Kuriosum blieb. Der bekannte antisemitische ungarische Abgeordnete I s t o c z y , über den im dritten Bande der Dubnowschen ,,Neuesten Geschichte der jüdischen Volkes" Näheres nachgelesen werden kann, hatte in der Sitzung des Abgeordnetenhauses vom 12. Juni 1878 einen Antrag auf Wiederherstellung des Königreichs Palästina als jüdischen Staates eingebracht, der folgenden Wortlaut hatte: „Das Haus möge erklären, daß in dem Falle, als in irgend einer Phase der Lösung der orientalischen Frage und der definitiven Feststellung der Zukunft des Orients seitens der leitenden Kreise der Judenheit oder seitens der Regierung irgend einer europäischen Macht die Idee angeregt würde, daß nicht nur die Freiheitsansprüche der christlichen Völker des Orients eine den europäischen Interessen entsprechende Befriedigung finden sollen, sondern daß man auch dem aus seiner vor 1800 Jahren zerstörten Heimat vertriebenen jüdischen Volke endlich einmal Gerechtigkeit angedeihen lasse, und zwar dadurch, daß das heißgeliebte ursprüngliche Vaterland desselben, Palästina, gehörig vergrößert, entweder als unter der Souveränität oder Suzeränität der Hohen Pforte stehende autonome Provinz oder als selbständiger jüdischer Staat wiederhergestellt werde, und so das in seiner gegenwärtigen Zerstreuung den Fortschritt der europäischen Nation verhindernde und die christliche Zivilisation gefährdende jüdische Volk sich selbst zurückgegeben, unter den Wohltaten einer eigenen nationalen Regierung und nationaler Institutionen inmitten von verwandten semitischen Stämmen in dem an Kraft gesunkenen und zurückgebliebenen Orient als lebenskräftiges, mächtiges, neues Element zum wirkungsvollen Faktor der Zivilisation werden könne — daß in diesem Falle der Wunsch des Hauses der ist, daß die ungarische Regierung dahin wirke, daß die Leitung der auswärtigen Angelegenheiten der Monarchie einem darauf abzielenden Antrage nicht nur nicht entgegentrete, sondern denselben vielmehr im europäischen Interesse als im Interesse der Monarchie und besonders Ungarns auch ihrerseits unterstütze." Der Antrag wurde mit „stürmischer Heiterkeit" aufgenommen. Aber Istoczy hatte ihn keineswegs scherzhaft gemeint, sondern erwiderte, daß „man gewöhnlich über zweierlei zu lachen pflege: entweder über

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