Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Pforte des Ostens [Rezension]
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 243 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3101111-3101201-3101206-3109093--6950-3109162- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Bemerkungen: Die Pforte des Ostens 243 im Lande. Unerklärliche Wolkenkuckucksheim-Politik ist es, daß nicht in allen jüdischen Volksschulen Palästinas das Arabische eingehend gelehrt wird. Es muß eine der ersten Forderungen sein (und sie ist, da in allen solchen Fragen das palästinensische Judentum merkwürdig rückständig erscheint, von der das Schulbudget aufstellenden Instanz, selbst bei Gefahr geringer Mehrkosten, durchzusetzen), daß in allen jüdischen Schulen die erste (und wenn nur eine gelehrt werden kann, die einzige) Sprache neben der hebräischen Unterrichtssprache das Arabische sei und daß in den höheren Lehranstalten daneben ein Unterricht in arabischer Kultur und Geschichte, womöglich in arabischer Sprache erteilt, trete. Es wird nicht nur nicht schaden, sondern von Vorteil sein, wenn dadurch der Unterricht in europäischen Sprachen, z. B. im Englischen zurückgedrängt wird. Die Verknüpfung ans Land wird enger, die Gefahr der Levantinisierung geringer werden und doch die Möglichkeit bleiben, daß derjenige, der die Kenntnis der europäischen Sprachen braucht, sie später in dem nötigen Umfang leicht lernen wird. Von diesem Gesichtspunkte aus, muß man auch in der Mittelschulerziehung versuchen, jene „moderne" Halbbildung zu vermeiden, die einem so schmerzlich bei den Absolventen der Mittelschulen Palästinas auffällt. Man errichte tüchtige Fachschulen für Ausbildung kommerzieller und technischer Berufe; daneben aber schaffe man ein „Gymnasium" der wirklich humanistischen Ausbildung. Dort sollen die Schüler keine „modernen" Sprachen lernen, sondern eine gründliche Ausbildung in der ganzen hebräischen und aramäischen Literatur genießen, dazu Arabisch, Griechisch und Latein. Denn das gewaltige Gebäude der mittelalterlichen jüdischen Philosophie ist ohne sie nicht zu verstehen, ja bereits die lange vorher einsetzende Verflechtung unserer Volksschicksale mit dem griechisch und lateinisch sprechenden antiken Kulturkreis setzt die Kenntnis dieser Sprachen voraus. Die. Kenntnis der arabischen Sprache und Kultur wird auch eine Vertiefung des Verständnisses der hebräischen Sprache und Kultur mit sich bringen. Aus einer solchen Schule könnten dann Männer hervorgehen, die an den Kulturen der semitischen Sprachen, in ihrer Tradition wurzelnd, weiterbauen könnten. Das wären zwei in nächster Zeit und unabhängig von Politik und Finanzen durchführbare Forderungen: Unterstützung aller wissenschaftlichen und vor allem aller popularisierenden Bestrebungen, die dem Juden die Kenntnis der arabischen Welt vermitteln sollen, und wirkliche Kenntnis der arabischen Sprache und Eigenart seitens der palästinen: sischen Juden, vermittelt durch eine Reform der palästinensischen Schulen. Dazu käme eine dritte: wohl ist die Frage der künftigen rechtlichen Ordnung Palästinas eine heute anscheinend noch ferne, aber es kann möglich sein, daß wir, da die politische Verfassung Palästinas nicht mehr sehr lange in dem heutigen Zustande verbleiben kann, gefragt werden, weiche Vorschläge wir für die rechtliche Ordnung des Zusammenlebens der beiden Völker, konkreter noch für das Nebeneinanderbestehen der zwei oder mehreren Sprachen im öffentlichen Leben zu machen haben. Nun können sicher Verhältnisse eines Landes nicht ohne weiteres auf ein anderes übertragen werden, aber man kann aus glücklichen Lösungsversuchen anderer Gebiete manche Anregungen schöpfen. Die dritte Forderung ginge also dahin, sei es in Einzeluntersuchungen, sei es in Kommissionen, eine Reihe von Vorschlägen über die öffentlich-rechtliche Ordnung des Zusammenlebens zweier Völker oder Sprachen auf einem Territorium zu geben. Als die bisher versuchten glücklichsten Lösungsversuche erscheinen die föderative und autonome Ordnung der Nationalitätenfrage im sozialistischen Rußland, über die ich an anderer Stelle zu berichten gedenke, und die Schweiz, wo, wie im Kanton Bern oder in den 16*