Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Pforte des Ostens [Rezension]
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 242 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3101111-3101201-3101206-3109093--6949-3109161- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
242 Bemerkungen: Die Pforte des Ostens die wohl auch in der Linie der allgemeinen Ansichten Hoeflichs liegen. Es ist notwendig, ein solches praktisches Aktionsprogramm^ für dessen Durchsetzung man eintreten kann, aufzustellen. Mag auch in den letzten (unpraktischen) Sehnsüchten und Zielen keine volle Übereinstimmung herrschen, so ist doch der Weg für lange Strecken gemeinsam; die Anerkennung dieses Programms innerhalb des Zionismus wäre dann anzustreben. Wir können unter „Zionismus" zweierlei verstehen, indem wir a) maximalen und minimalen Zionismus unterscheiden. Maximaler Zionismus ist der „Versuch einer Regenerierung des jüdischen Volkes. Nichts weniger. Die Schaffung eines jüdischen Zentrums in Palästina ist hierzu nur ein Mittel. Nichts mehr. Ob es das einzige Mittel ist, ist diskutabel. Wir glauben es nicht. Wir haben ein zu tiefes Vertrauen in die Elementarkräfte unseres viertausendjährigen Kultur- und Blutorganismus. Auch ohne Palästina wird er dauern. Aber Palästina erscheint uns als das wichtigste Glied in dem Regenerierungsprozesse, Aber immer nur Glied, Mittel.'* In diesem Sinne ist Zionismus vor allem Erziehungsarbeit. Sie geschieht heute, aber nur ausnahmsweise. Sie kann nicht von der Zionistischen Organisation selbst geleistet werden, obwohl diese von ihrem Geiste berührt sein muss, sondern nur von Einzelnen. Wo sie geleistet wird, schafft sie eine Atmosphäre der Liebe und der Zusammengehörigkeit, die eine Keimzelle späteren, reicheren Lebens ist. Sie ist eine Leistung von Individuen. Abe* sie kann durch organisierte Vorbereitungsarbeiten erleichtert, verstärkt werden. Über sie wird noch in einem andern Zusammenhange zu reden sein. „Minimaler" Zionismus dagegen ist die Schaffung eines jüdischen Zentrums in und um Palästina durch enge wirtschaftliche und seelische Verknüpfung von Teilen des jü- J) Siehe in meinem Buche „Nationalismus'< Seite 92 und auch 41. dischen Volkes mit den Lebensbedingungen Palästinas. Dies ist Aufgabe der Zionistischen Organisation, und hier kann mit organisatorischen Maßnahmen eingegriffen und nachgeholfen werden. Die Lage in Palästina ist heute die, daß ein großer, sehr großer Teil der jüdischen Siedlung dort den Eindruck erweckt, mit dem Lande gar nicht verknüpft zu sein. Zwischen ihm und allen anderen Bewohnern des Landes, zwischen ihm und den durch jahrhunderte- und jahrtausendelange Tradition herrschenden Sitten und Gebräuchen, dem Lande und den seiner Art angepaßten Lebensverhältnissen besteht nicht nur Fremdheit, sondern manchmal überhebliche Gegnerschaft und bestenfalls Gleichgültigkeit. Der Jude kennt den Araber nicht, kennt nicht seine Sprache, seine Sitten, seine Religion, seine Hoffnungen und seine Politik, sein soziales System und seine Geschichte. Eine solche Kenntnis ist aber Voraussetzung jedes Verständnisses. Voraussetzung für die Vermeidung grober Fehler in Politik und Alltag; ohne eine solche Kenntnis ist auch künftige Verständigung immer schwieriger, immer weniger möglich. Daher muß der erste Schritt die Erkenntnis, das Kennenlernen der Welt des palästinensischen Arabers sein. Wir müssen seine Geschichte, seine Auffassung, sein soziales Leben kennen lernen. Unsere Bücher und unsere Seminare dürfen nicht nur von dem „jüdischen nationalen Heime in Palästina" handeln, das eine Abstraktion ist, sondern von Palästina, in dessen Gewebe sich jenes einzuordnen hat. Palästina ist aber durch Art und Wille der überwiegenden Mehrheit seiner Bewohner, durch Charakter und Rhythmus seines Lebens unlöslich verbunden mit Syrien und Mesopotamien, mit Arabien und Ägypten; wir müssen wissen und feststellen, was in diesen Ländern geschieht. Das Studium der Welt des Arabers ist eine der wichtigsten Aufgaben, deren systematische, planmäßige Lösung in Angriff zu nehmen ist. Wichtiger ist noch das Zusammenleben