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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 4 · p. 233

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 4
Article
Zwei Erzählungen
Date
1923-01-01
Page
233 (sequence 3)
Language
German
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Zwei Erzählungen 233 versteckte sich in seine Wohnung und schrieb zu seiner Erfreuung auf Tür und Wände alle Namen aus der Thorah auf, die Namen der Erzväter und die Namen der Mütter, die Namen der Priester und Leviten, der Könige und Propheten, und da war kein Name aus den fünf Büchern und den Prophetenstücken, wie Mose, Aharon, David, Salomo, den er nicht auf die Wände seiner Wohnung aufgeschrieben hätte, bis die Wände seiner Wohnung bemalten Tapeten glichen. Und als die Zeit des Minchagebetes herankam, lief er ins Lehrhaus, um mit der Gemeinde zu beten. Und dort pflegen die Gelehrten zwischen Mincha und Abendgebet miteinander über Dinge der Halacha zu streiten. Er stand in der Ecke und steckte seine Daumen in den Gürtelstrick, und seine anderen Finger ragten über den Gürtel in die Luft, und er sog einen jeden Satz ein. Er hörte, daß sie sagten: Der Rambam, der Rosch und der Tur sagen dies und das, da begriff er von selbst, daß dies die Großen der Welt sind. Sein Herz entbrannte und er wiederholte leise seine Namen, und als - er nach Haus kam, schrieb er ihre Namen an und las sie viele Male, bis sie ihm geläufig waren. Und am nächsten Tag nach dem Gebet lief er nicht zur Schenke, sondern pflanzte sich ins Lehrhaus ein, und richtete seinen ganzen Sinn darauf, die Worte der Gelehrten zu hören. Erwähnten sie den Namen eines Buches, so wiederholte er den Namen wie ein Kind, das einen Spruch aus dem Munde des Lehrers hört und ihm nachspricht. Und hörte er einen Gelehrten sagen: So steht in diesem Thalmudtrakfat, so wird in jenem Buche angeführt, strengte er sich an, ihre Namen zu lernen und ihren Standort zu behalten, bis er ein jedes Buch kannte. Und brauchte ein Gelehrter irgendein Buch, sofort lief Asriel Mosche herzu, holte es aus dem Schrank und gab es ihm zur Hand. Und so tat er Tag für Tag, und nahm immer mehr zu an Wissen, und bei seiner Heimkehr schrieb er jeden Namen, den er im Lehrhaus gehört hatte, an, und legte seinen Mund auf die Schrift und küßte sie in großer Freude, weil er gewürdigt worden war, die Namen der Weisen und der Thorah zu erfahren und er weinte um sie, weil er nicht gewürdigt war, ihre Thorah selbst zu erfahren. Und der Menge der Tränen halber verlöschte die Schrift immer mehr. Was tat er? Er kaufte sich ein Blatt Papier und schrieb all die Namen mit Bleistift auf, und wenn er müßig auf dem Marktplatz stand, las er diese Namen. Und auch dies tat dieser Mann Asriel Mosche: Er las im Kalender die Zahl der Jahre seit der Erschaffung der Welt, seit der Sintflut, seit der Geburt Moses, seit dem Auszug aus Ägypten, seit der Erbauung des ersten Tempels, seit der Zerstörung des Reiches Israel, seit der Makkabäerzeit, seit der TempelzerStörung, seit der Erfindung des Buchdrucks durch Gutenberg usw. Und sieh, es heißt im Sohar: denkt ein Mensch einen guten Gedanken, sofort geht dieser Gedanke zum Herzen, welches das Fundament des Leibes ist und darnach geht dieser gute Gedanke zu allen andern Gliedern des Leibes, und sogleich verbindet sich der Gedanke mit den andern Gliedern, und sie ziehen auf ihn einen Abglanz der Gottheit nieder. Und es ist gewiß, daß dieser Mann Asriel Mosche ein anderer Mensch wurde. Von nun an

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