Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Zwei Erzählungen
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 232 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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232 S. j. Agnon: Eines Tages stand Asriel Mosche mit seinen übrigen Freunden am Markt. Da kam ein Mann zu ihnen und rief sie, um seine Sachen von einer Wohnung in eine andere zu bringen. Und dieser Mann war ein angesehener Bürger und Gelehrter und hatte viele, viele Bücher, babylonischen und jerusalemischen Thalmud, die „Starke Hand", die vier Turim, und den Schulchan Aruch, große Bibelausgaben, Bücher der Philosophie und Wissenschaft, Chroniken und Annalen, nebst Gebetbüchern für Alltag und Festtag. Und er erfüllte an ihnen die Worte der Weisen, die den Vers „Dies ist mein Gott, ich will ihn geziemend preisen" dahin erklären, man solle die Gebote auf schöne Weise erfüllen. Und alle Bücher waren in schöne Einbände gebunden und er mahnte die Träger, auf sie zu achten, damit sie nicht schmutzig würden, und sie nicht zu beschädigen. Da sprang Asriel Mosche herzu und legte seine Hand an seinen Bart und sagte zu dem Mann: „Auf mich und auf meine Verantwortung!" nahm die Bücher und tat sie in einen Sack, band die Schnur über ihnen zu, beugte seinen Nacken, um sie aufzuheben, und lud sie auf seine Schultern und ging voller Freude, um sie in die neue Wohnung zu bringen. Und während der Sack noch auf seinen Schultern lag, stand er mitten auf seinem Wege still und sagte: „Herr der Welt, so groß ist deine Lehre, und dennoch gibt es Menschen, die die ganze Lehre kennen. Und mir ist es nicht beschieden, auch nur ein Buch zu verstehen, auch nur ein Blatt, auch nur eine Zeile, auch nur einen Satz. Ich will die Erlösung nicht erleben, wenn ich nicht erzählen gehört habe, daß Gott unserem Vater Abraham — Friede sei bei ihm — zwei Brüste wie zwei Gelehrte entgegengeschickt hat, die ihn Thorah und Weisheit lehrten. Behüte, daß ich etwa mit dir hadern wollte, weil du an dem Sohn meiner Mutter nicht ebenso gehandelt hast, wie du an unserem Vater Abraham gehandelt, aber ich möchte doch gerne wissen, was in all diesen Büchern steht]" Und sogleich begann er, heilige Worte herzusagen: „Chummesch, Raschi, Gemara, Thossaphoth, Midrasch, Thargum, Thargum scheni", und so ging er über den Markt und sagte bei sich die Namen: „Chummesch, Raschi, Gemara" und so fort, und nannte die Namen der fünf Bücher der Thorah, und die Namen aller Wochenabschnitte. Darnachsagte er zu sich: „Sieh, Gott hat uns doch aus Ägypten geführt, und uns das Pessachfest gegeben, um an ihm Mazza und Bitterkraut zu essen, und an ihm vier Becher zu trinken, aber auch den neunten Ab gibt es ja, wo man fastet und auf dem Boden sitzt und um die Zerstörung des Heiligtumes klagt, so sind also die Juden nach dem Lande Israel hineingekommen und nach Jerusalem hinaufgezogen, bis Titus, der Frevler, kam und es zerstörte." Aber wo all das niedergeschrieben war, das hatte er nie gehört. Da weinte er in seinem Herzen: „Weh mir, daß ich nichts gelernt habe, weh mir, daß ich nichts weiß", und weil sein Kummer so groß war, wurde sein Sinn stumpf, und sogar was er gewußt hatte, vergaß er. So ging er traurig hin, bis er seine Last ablud. Und kaum hatte er seine Last abgeladen und seinen Lohn erhalten, trat er in einen Laden und öffnete seinen Geldbeutel und kaufte ein Stück Kreide,