Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1923-01-01 · Heft 4 · p. 231

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 4
Article
Zwei Erzählungen
Date
1923-01-01
Page
231 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3101111-3101201-3101206-3109091--6935-3109150
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

S. J. Agn on : Zwei Erzählungen S. J. AGNON / ZWEI ERZÄHLUNGEN Aus dem Hebräischen übertragen von Gerhard Scholem I. Die Geschichte von Asriel Mosche, dem Bücherwart Dieser Mann, Asriel Mosche, war Lastträger aus einer Familie von Lastträgern und zeichnete sich aus durch Kraft und Eifer, und ging auf Gottes Wegen nach der Weise der einfachen Juden. Tagtäglich stand er vor Sonnenaufgang auf und betete nach Art der alten Frommen, und hatte er seine Th'f iiiin abgelegt und in ihren Beutel getan, so sagte er: „Herr der Welt, ich verstehe nicht, was ich gebetet habe, aber du, dem alles bekannt und offenbar ist, du weißt gewiß alles, was im Gebetbuch steht, möchte es dir gefallen, mein Gebet in Huld und Gnade anzunehmen/4 Und während er noch sprach, lief er zur Schenke und trank ein Viertel Branntwein und redete zu sich selbst: „Der Unwissende ist wie ein Gaul. Wie man dem Gaul, hat er sein Heu und Stroh gefressen, zu saufen gibt, so gebe ich dir, Asriel Mosche, wenn du gebetet hast, zu trinken/1 Solcher Rede halber höhnten die Leute über ihn und sagten: Der Wein redet aus Asriel Mosches Kehle, das Glas Branntwein rumort in seinem Leib. Aber Asriel Mosche schüttelt seinen Bart und erwidert: Was soll ich machen, Vater und Mutter starben in meiner Jugend und einen Lehrer habe ich nicht gehabt, und so bin ich nur ein Tragesel und Lastgaul, aber das schwöre ich bei meinem Barte: Würde der Heilige, gelobt sei er, mir ein Bündel zu tragen geben, ich träge es ihm umsonst. Und sogleich geht er zum Markt und beugt sich freiwillig unter das Joch der Nahrungssorgen, und er hatte eine Ecke am Marktplatz, dort stand er in Gottes Schatten, und ließ seine Augen in allen vier Richtungen gehen. Vielleicht wird jemand kommen und ihn rufen, um ihm eine Last zu tragen. Und wenn — Gott schütze! — ein Toter in der Stadt war, so brachte er Schrägen und Wanne, wo man die Toten wusch. Und weil er einen schönen Bart hatte, machten ihn seine Freunde zum Mordechaj im Purimspiel und zum Jakob in „Josefs Aufstieg", und er erheiterte die jüdischen Herzen bei den Purimfreuden. Und hiervon haben wir, Gott sei Dank, viele, viele Geschichten, dreißig Ries Papier könnten sie nicht fassen, wie er etwa den Boden vor der heiligen Thorahlade mit seinem Barte auffegte, wie weiland Rabbi Jakob ben Jakir, und wie seine Frau ihn auszankte und am Barte packte und anschrie: Sich läßt der Lump einen Bart so lang wie das Galuth wachsen, mir aber bringt er auch nicht zwei Haare für den Scheitel! Aber durch die Härte der täglichen Plackerei ist unsere Kraft erlahmt und die Fähigkeit, alles aufzuschreiben, geringer geworden, und wir haben nur soviel aufgeschrieben, wie auf ein Blatt Papier geht, das für einen Pfennig zu haben ist. Und weil es wenig ist, schien uns gut, es hier abzuschreiben. Und so beginne ich:

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.