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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 4 · p. 229

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 4
Article
Vom Übersetzen
Date
1923-01-01
Page
229 (sequence 8)
Language
German
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Vom Übersetzen 229 Qleichnis des Problems ist nun zugleich auch die Möglichkeit der Lösung angedeutet. Die Aufeinanderfolge der einzelnen Stromschlüsse kann im Deutschen nicht so rasch sein wie im Hebräischen, einfach, weil die Zitierbarkeit der deutschen Bibel geringer ist als die der hebräischen. Aber immerhin, es besteht auch hier eine gewisse Zitierbarkeit, — dank der Lutherbibel, dank einigen aus der Bibel geschöpften Kirchenliedern und dank manchen auch dem heutigen Menschen noch bekannten biblischen Inhalten. Und da das Bibelzitat im Deutschen ungewohnter ist, so wirkt es vergleichsweise soviel wuchtiger, daß es auch in spärlicherer Frequenz noch ein gewisses Fluoreszieren erzeugt. Also hat der Übersetzer die Aufgabe, jedes irgendwie zu Bewußtsein zu bringende Bibelzitat des Texts auch wirklich als solches herauszuarbeiten, und unter Umständen ein dem heutigen Menschen fremdes durch ein ihm näheres zu ersetzen; daß er damit den zuvor angeprangerten Fehler des „Verständlichermachens" begehe, braucht er nicht zu fürchten; dem heutigen Menschen ist es knapp so bekannt, daß die Araber sich von Ismael herleiten und daß Ismaels Mutter Hagar hieß, wie den Lesern oder Hörern des Jehuda Halevischen Gedichts, daß Epher ein Sohn der Ketufa war und daß diese von der Tradition mit Hagar identifiziert wird. Übrigens aber kommt dem heutigen Leser entgegen, daß gerade die dem Gebildeten heute noch am ehesten bekannten biblischen Bücher wie die Psalmen, der Prophet Jesaja, das Hohelied, auch dem hebräischen Dichter am häufigsten auf die Zunge kommen. Es kommt im Übersetzen immer irgendwann ein Augenblick, wo die Scheidewand zwischen Gedicht und Übersetzung, und sei es nur für einen Augenblick, fällt. Um dieses Augenblicks willen übersetzt man, wenn man es auch selber nicht weiß; aber dieser Augenblick ist auch die Schranke, die einen in der Auswahl beschränkt. Diese Gedichte sind natürlich ursprünglich nicht zum Gelesenwerden bestimmt, sondern, wie in allen Zeiten, wo die Dichtung, oder ein Teil der Dichtung, Volkssache war, zum Vorgetragen- und Gehörtwerden. Goethes ohnmächtiger Wunsch: „Nur nicht lesen, immer singen!" — ohnmächtig, denn noch in seiner Zeit begann durch Schubert die Musik, die bei Goethes Hauskomponisten noch anspruchslos der Dichtung gedient hatte, sich, grade unter dem Vorgeben, ihr getreu zu folgen, der Herrschaft über sie zu bemächtigen — jener damals schon machtlose Wunsch wird in solchen Zeiten oder in Menschenkreisen, für die dasselbe gilt wie für jene bezeichneten Zeiten, mit Selbstverständlichkeit erfüllt. Es kommt dabei auf das Vorhandensein des Kreises, des „Volks", viel mehr an, als auf die „Zeit". Zu dem üblichen scheinheiligen, in Wahrheit nur trägen, Traurigtun über die „sinnlose" oder gar „gottferne" Gegenwart ist gar kein Anlaß; wo Dichtung für einen bestimmten Menschenkreis gedichtet und von ihm,

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